Möglichst ländlich

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Meine Frau suchte ein Haus im Grünen.
Möglichst ruhig.
Möglichst ländlich.
Möglichst viel Garten.

Aber nicht weit von Seeheim-Jugenheim, ihrem Heimatort, entfernt. So ein Blut-und-Boden-Ding, das ich nicht verstehe.

Seeheim-Jugenheim? Kennst Du nicht? Bekannt aus dem Verkehrsfunk und vom konservativ-kapitalistischen „Seeheimer-Kreis“ der mittlerweile konservativ-kapitalistischen ehemaligen sozialdemokratischen und ehemalige Volkspartei, der SPD.

Seeheim-Jugenheim liegt rund 15 km südlich von Darmstadt. Beide Orte zeichnet die komplette Abwesenheit einer belebten Stadtmitte aus. Es gibt jeweils eine Hauptstraße – die auf direktem Wege vom Ortseingang zum Ortsausgang führt.

Einwohner gibt es aber. Ortsteile auch. Erstere sind 16.000 an der Zahl – auf die letzteren Ortsteile verteilt. Fünf an der Zahl. Alle Orte bleiben deutlich unter einer fünfstelligen Einwohnerzahl.

Historie gibt es hier ebenfalls. Julia Hauke zum Beispiel. Die kennst Du nicht? Naja, die Battenbergs. Die kennst Du nicht? Die Battenbergs kennst Du vielleicht unter dem Namen „Mountbatten“. Jetzt klingelt es bei Dir natürlich. Prinz Philipp, der politisch völlig unkorrekte Gatte von Dauerqueen Lizbeth der Zwoten.

Oder Christian Stock. Gut, keine Kultur, aber eben Politik (SPD). Erster Präsi von Hessen. Koalierte mit der CDU. War wohl seiner Zeit voraus. Leider. Hat dem Schuldorf das nach ihm benannte Stadion zugeschachert.

Schuldorf? Das kennst Du nicht? Das ist eine sehr große Ansammlung von us-amerikanischen, baufälligen Baracken in einem Waldstück zwischen Seeheim und Jugenheim. Die Leute lieben ihr Schuldorf. Warum auch immer. Muss so ein Erbsünde-Ding sein. „Mein Junge, Du gehst auf das Schuldorf! Mir haben zugige Baracken mit windschiefen Wänden und das Fehlen von zeitgemäßen Unterrichtsmaterial auch nicht geschadet! Außerdem kannst Du da von der Einschulung bis zum Abitur bleiben und musst nicht in die kalte Welt nach draussen, wo Du wohlmöglich neue Leute und neue Dinge kennenlernen würdest!“

Im Schuldorf befindet sich die Internationale Schule. Kennst Du auch nicht? Oh Mann! Das ist so ein modernes Betondenkmal, welches sich vom Schuldorf durch einen Burggraben abgrenzt und auf der anderen Gebäudeseite eine überdachte Zufahrt hat, die jedem Kongresszentrum alle Ehre machen würde. Hier können gleich mehrere Hausfrauenpanzer die Premiumkinder zeitgleich direkt vor dem Eingang absetzen. Unnötig zu erwähnen: Die Internationale Schule hat all die Ausstattung, die dem Schuldorf fehlt.

Aber genug von der Vergangenheit. Schauen wir in die Zukunft. Die Zukunft der ländlichen Art.

Nach einigen Besichtigungen und der letztlichen qualvollen Wahl zwischen zwei Häusern in Ober-Bärlauch… Bitte? Ja, Ober-Bärlauch… kennst Du nicht? Wie erkläre ich das am einfachsten? „Wenn die Galaxie ein helles Zentrum hat, dann bist Du in Ober-Bärlauch…“ aber lassen wir den abgeschmackten Spruch, den kennt jeder.

Ausführlicher? Nun, als gelernter Großstadtmensch fehlt mir persönlich auf dem (hier gottlob nicht platten) Lande einfach die lebensnotwendige, minimale Infrastruktur. Gut, Ober-Bärlauch besitzt eine Infrastruktur. Eine recht überschaubare Infrastruktur. Bus. Kneipe. Micro-Kaufhaus. Hofladen. Fertig! Die Hauptstraße ist dreimeterachzig breit. Eigentlich komplett Zone 30 (hält sich kein Mensch dran). Kein Gasanschluss. Kein Handyempfang (außer wenn man bei den Telekomikern ist). Dafür aber Kabel mit 400 MBit. So Gott will.

Und im Winter gibt es hier noch Schnee.

Hier sagen sich Fuchs und Reh gute Nacht. Wortwörtlich und direkt in unserem Garten. Bei der Erstbesichtigung lag ein toter Fuchs vor dem halb eingestürzten Gartenhaus. Das besagte Reh brach aus dem ehemaligen Nutzgarten hervor und rannte direkt an uns vorbei. Nach unserem Wissen stand das Haus drei Jahre lang komplett leer und war auch davor nur sporadisch bewohnt. Die Natur holte sich das 1.600 Quadratmeter große Areal zurück. Diesen Garten auf Vordermann zu bringen wird ein Kapitel für sich sein und viele, viele Monate verschlingen.

Auf dem besagten Areal steht natürlich ein Häuschen. Das Objekt stammt aus dem Jahre 1967. Ein hervorragender Jahrgang. Zufälligerweise mein Jahrgang. Deswegen ist er auch so exzellent.

Okay, bei näherer Betrachtung ist der Zustand alles andere als makellos:
– der Dachstuhl hat eine fragwürdige Dämmung
– der erste Stock trägt eine 12 cm starke Außendämmung
– der Keller ist feucht und muffig
Und das Haus ist in keinem wesentlich besseren Zustand!

Dazu kommt noch eine interessante Umluftheizung mit einem Ofen, der Holz – und wohl auch Kohle fressen würde. Natürlich müsste man den Ofen die ganze Nacht brennen lassen können – was nur mit schädlicher Braunkohle möglich wäre – läge man wert auf ein warmes Zuhause am Morgen. Deshalb ist die primäre Heizung im Haus elektrisch. Ja. Elektrisch. Du kannst nun den Kaffee von Deinem Monitor wischen.

Was wir während der Sanierungsphase mit diesem Haus noch erleben werden, soll hier unregelmäßig zusammengefasst werden.

ländlich
Ländlich
umgestürzter baum garten
Umgestürzter Baum, Pavillon, Pool
Kleines Haus
Kleines, altes Haus
Grüne Hölle
Grüne Hölle!
Schiefer Baum
Schiefer Baum!

Der Blick von der Straße aus über Nachbars ordentlich gepflegtem Grundstück hinweg.

Vier schiefe Kiefern
Vier schiefe Kiefern!

Flachwurzler am Hang! Die Bäume müssen weg! Die stürzen ebenso um, wie der Baum im Vordergrund! Nur dann eben auf die Straße. Und Autos. Oder Menschen.

 

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