Auf­bau eines Arcadeautomaten

Lese­dau­er 20 Minu­ten

Wenn man zu Hau­se etwas Platz übrig hat, der nicht von der bes­se­ren Hälf­te frei von inter­es­san­ter und unter­halt­sa­mer Tech­nik gehal­ten wird, dann spielt man(n) natür­lich mit dem Gedan­ken dort etwas nütz­li­ches und zugleich ästhe­ti­sches auf­zu­stel­len, näm­lich den Traum den man(n) seit Jahr­zehn­ten geträumt hat: Einen Arca­de­au­to­ma­ten! In die­sem Bericht geht es dar­um, die­sen Traum Rea­li­tät wer­den zu lassen.

Ich beschrei­be hier, wie _​ich_​ einen Arca­de­au­to­ma­ten auf­ge­baut habe. Ihr sollt (und könnt) Euch nicht skla­visch an mei­ne Aus­füh­run­gen hal­ten. Ande­re, die an so einem Pro­jekt gear­bei­tet haben, haben sicher gänz­lich unter­schied­li­che Erfah­run­gen gemacht. Man kann ganz sicher total net­te Sachen (Joy­stick-USB-Kon­ver­ter, AIO-Rech­ner für JAM­MA-Anschlüs­se, etc.) für gutes Geld kau­fen. Als land­läu­fig aner­kann­tes Spar­bröt­chen war das aber nicht mein Weg. O.k., ich gebe zu, dass ich erst spä­ter von die­sen im Prin­zip tol­len Mög­lich­kei­ten erfah­ren hat­te, bei Beginn mei­ner Pla­nun­gen kann­te ich aber nur den Arca­de-Emu­la­tor MAME und hat­te seit eini­gen Jah­ren einen alten Aca­de­au­to­ma­ten mit defek­tem Moni­tor. MAME benutz­te ich vor Jah­ren mal auf einem 486er Note­book und spiel­te im Urlaub eini­ge klas­si­sche Spie­le damit.

Freaks, die einen Auto­ma­ten in einem Zustand haben wol­len, der bes­ser als neu ist, die soll­te hier auf­hö­ren zu lesen. Mein Auto­mat soll ruhig die Spu­ren der Zeit stolz zur Schau stel­len. Ein Aus­tausch der T‑Moldings (die Kanten„umleimer”) oder der Sticks und Knöp­fe kam nicht in Fra­ge. Eben­so war nach dem Able­ben des Arca­de-Moni­tors klar, dass ich einen 21„er und ein Main­board aus dem PC-Bereich ein­bau­en woll­te. VGA-Arca­de-Wand­ler kos­ten etwas über 100,- EUR, ein 21„er nur rund ein Zehn­tel. Aus­ser­dem woll­te ich vie­le Spie­le zur Aus­wahl haben, ohne jedes­mal die Pla­ti­ne aus­tau­schen zu müssen.

Ich beschrei­be hier Arbei­ten, die Ihr nicht durch­füh­ren soll­tet, wenn Ihr kei­ne Ahnung von einer Elek­tro­in­stal­la­ti­on habt. Ori­gi­na­le Arca­de- und die meis­ten PC-Moni­to­re haben ein offe­nes Chas­sis. Beim Berüh­ren der Inne­rei­en kann – auch noch nach Tagen mit gezo­ge­nen Strom­ste­cker – genü­gend Span­nung abge­ge­ben wer­den, um ein Pferd (oder Euch) umzu­brin­gen. Ihr müsst wis­sen, was Ihr tut, ich bin nicht dafür ver­ant­wort­lich, wenn Ihr Euch einen Split­ter in den Fin­ger jagt, Euer Board grillt oder gar die Bude abfackelt.

Begriff­lich­kei­ten:

Was benö­ti­gen wir für einen Arca­de­au­to­ma­ten? Zuerst natür­lich das Cab (Cabi­net). Die­ses ist meist aus Span­plat­ten auf­ge­baut und ver­dammt schwer. Im obe­ren Bereich ist das Mar­quee, also die Leucht­re­kla­me für das ein­ge­bau­te Spiel. Dar­un­ter der Moni­tor, ent­we­der hoch­kant oder quer ein­ge­baut und mit dem Bezel als Ein­fas­sung, einem bun­ten Papp­rah­men. Davor das Bedien­pa­nel mit den Joy­sticks. Wei­ter unten sind die Geld­ein­wür­fe mit den Münz­prü­fern. An den Sei­ten fin­den sich bun­te Bil­der, die soge­nann­ten Side­arts. Die Rück­sei­te ist zum größ­ten Teil abnehm­bar, im obe­ren Bereich fin­den sich meist Griff­mul­den und unten am Boden klei­ne Räd­chen, so dass man den Auto­ma­ten eben­erdig auch allei­ne (wie eine Schub­kar­re) trans­por­tie­ren kann.

DSC00022
(Stan­dard-Cabi­net auf dem VCFe)

SL735518
(Beleuch­te­tes Marquee)

SL735532
(Obe­res Teil des Bezel)

SL735519
(Bezel, grün; links und rechts neben dem Moni­tor. Obe­res Bezel nicht kor­rekt befestigt)

Gehäu­se­for­men

In die­sem Bericht behan­de­le ich ein Stan­dard-Arca­de-Gehäu­se, es gibt aber noch Table­tops, die wie ein unter den Bedien­pult abge­säg­tes Stan­dard-Gehäu­se aus­s­se­hen und auf einen Tisch oder eine Bar gestellt wer­den, Wand­ge­rä­te, die meist mit einem LCD-Moni­tor daher­kom­men und deut­lich fla­cher sind, Cock­tail-Tische, wel­che so groß wie ein klei­ner Wohn­zim­mer­tisch sind und zuletzt die Königs­klas­se, näm­lich Sit-In-Gerä­te (meist Fahr­si­mu­la­to­ren mit Sitz). Fer­ner gibt es noch Touch-Gerä­te, die mit einer berüh­rungs­emp­find­li­chen Schei­be vor dem Schirm aus­ge­stat­tet waren und seit jeher mit Win­dows-Ver­sio­nen und einem PC funk­tio­nier­ten. Die­se fal­len für die klas­si­schen Bal­ler- und Prü­gel­spie­le flach, da sie kei­ne Joy­sticks. Rie­si­ge Arca­de-Gerä­te mit einer Rück­pro­jek­ti­ons­flä­che neh­men der­mas­sen viel Platz weg, dass wir die­se nur in den sel­tens­ten Fäl­len in einem Pri­vat­haus­halt zu sehen bekom­men werden.

Bezugs­quel­len für Gehäuse

Es kom­men also nur Stan­dard-Gerä­te, Tabel­tops, Wand­ge­rä­te und die Cock­tails in Betracht. Ihr bekommt so einen Auto­ma­ten ent­we­der vor Ort bei Auto­ma­ten­auf­stel­lern (Löwen-Auto­ma­ten, etc.) oder bei ein­schlä­gi­gen Inter­net­händ­lern (Alpha-Elec­tro­nic). Auch pri­vat fin­det Ihr sicher wel­che auf dem Arca­de-Board und auf Arca­de­info. Die Leu­te sind aus­nahms­los sehr nett und es herrscht ein freund­li­cher Ton­fall. Ab und an gibt es dort aber auch einen Troll, der ver­sucht arg­lo­sen Usern Bau­plä­ne oder gan­ze Selbst­bau­ar­ca­de­au­to­ma­ten für teu­er Geld zu ver­kau­fen. Reagiert man auf sein Ange­bot nich inner­halb von drei, vier Stun­den, so wird man per Mail mas­siv beschimpft. Sol­che Ange­bo­te ein­fach igno­rie­ren, wenn es sich um einen neu ange­mel­de­ten User mit weni­gen Postings han­delt. Frü­her oder spä­ter wird er von den Betrei­bern wie­der gekickt.

Solch ein Cabi­net kos­tet je nach Zustand und eige­bau­ten Gerät­schaf­ten ab 60,- EUR auf­wärts. 120,- EUR für ein optisch gutes, aber lee­res Gehäu­se klingt erst­mal viel, aber lasst Euch mal Span­plat­ten im Bau­markt zuschnei­den, ihr wer­det stau­nen, wie sich das sum­miert. Dazu kom­men noch die Knöp­fe und Sticks. Die­se sind nicht sehr teu­er, aber auch die­se ver­meint­li­chen Klein­tei­le wol­len bezahlt wer­den. Eine gute Bezugs­quel­le für Zube­hör und Ersatz­tei­le ist der Arcadeshop.

Mei­nen Auto­ma­ten bekam ich vor Jahr­zehn­ten geschenkt, als ich einen Feri­en­job bei Löwen­au­to­ma­ten hat­te. Er war noch voll funk­ti­ons­fä­hig und ein­ge­baut war Pooy­an, oben­drein leg­ten die net­ten Leu­te auch noch eine Phoe­nix-Pla­ti­ne mit bei.

Soft­ware

Als Betriebs­sys­tem kom­men eigent­lich alle halb­wegs moder­nen OS in Fra­ge. OS X, Linux, BeOS oder Win­dows – MAME, den Open-Source-Emu­la­tor für Arca­de­au­to­ma­ten, gibt es für alle. Win­dows hat den Nach­teil ewig zu boo­ten und den Benut­zer dazu zu zwin­gen sich mit dem Sys­tem statt der Auf­ga­be beschäf­ti­gen zu müs­sen. Lei­der ist der gro­ße Vor­teil der tol­le MaLa, der MAME-Laun­cher. Dies ist ein Aus­wahl­me­nue (ein sog. Front­end), wel­ches man mit den Joy­sticks und den Tas­ten steu­ern kann und das den beque­men Zugriff auf die Spie­le­samm­lung erlaubt. MaLa ist Free­ware. Ich benut­ze bei mir unter Win­dows XP MAME, MaLa und Joy­To­Key. Ver­si­ons­num­mern spie­len kei­ne Rol­le, die ändern sich so schnell und die­se Anlei­tung soll eben nur als AnLEI­TUNG dienen.

Main­board

Wie gesagt: Ich set­ze hier ein stink­nor­ma­les PC-Board ein. Da ich nur Klas­si­ker zocken woll­te, nutz­te ich erst einen AMD K6‑2+ mit 550 MHz. Die­ser Note­book-Pro­zes­sor ver­blies mit sei­nem gro­ßen Cache sei­ner­zeit in (eini­gen) Bench­marks selbst die Ath­lons, unnö­tig zu sagen, dass Intel nichts in die­ser MHz-Klas­se hat­te, was die­ser CPU das Was­ser rei­chen konn­te. Aber gene­rell reicht für eine älte­re MAME-Ver­si­on ein Rech­ner der 500 MHz-Klas­se. Mit einer aktu­el­len Ver­si­on lau­fen dar­auf aber selbst so Spie­le wie Space-Inva­ders nur noch ruckelnd. Alte Spie­le + lah­me Hard­ware = alte MAME-Ver­si­on. Da ich aus Grün­den eines robus­te­ren Auf­baus ger­ne ein Micro-ATX-Board mit VGA und Sound onboard haben woll­te, wer­kelt mitt­ler­wei­le ein Ath­lon XP mit 256 MB in mei­nem Cab.

Gra­fik­kar­ten

Man kann nahe­zu alle Gra­fik­kar­ten benut­zen, da die alten Spie­le und auch MAME kei­ne 3D-Effek­te benut­zen. Die Onboard-Lösun­gen sind alle brauch­bar, eben­so aber auch PCI-Kar­ten, da die Haupt­ar­beit von der CPU erle­digt wird. Will man einen Arca­de­mo­ni­tor ver­wen­den, weil der noch in Ord­nung ist, so soll­te man auf Matrox-Kar­ten zurück­grei­fen, da sich die­se mit rela­tiv wenig Auf­wand (gera­de unter Linux) auf eine Aus­ga­be­fre­quenz ein­stel­len las­sen, die die ori­gi­na­le Bild­röh­re auch ver­trägt. Auf mei­nem Main­board arbei­tet eine S3 Sava­ge Pro.

Moni­tor

Ich benutz­te einen 21″-Monitor von HP mit gewölb­ter Bild­röh­re. Der ori­gi­na­le Arca­de­mo­ni­tor im Cab hat­te eben­falls die­se Grö­ße. Natür­lich sind auch TFTs denk­bar, aber nicht unbe­dingt stil­echt. Gene­rell haben PC-Moni­to­re glei­cher Dia­go­na­le eine län­ge­re Bau­wei­se als Arca­de­mo­ni­to­re, da sie eine gleich­mäs­si­ge Schär­fe bis in die Ecken haben müs­sen und dies nur durch eine gerin­ge­re Ablen­kung des Elek­tro­nen­strahls der Bild­röh­re rea­li­siert wer­den kann. Der gro­ße Nach­teil beim Ein­satz eines PC-Moni­tors ist der begrenz­te Platz der Cabs nach hin­ten. Je fla­cher der Moni­tor im Gehäu­se liegt, des­to unkri­ti­scher ist der Ein­bau. In mei­nem Fal­le säg­te ich die Rück­wand aus, damit ich die fünf Zen­ti­me­ter, die der Moni­tor über die Rück­sei­te des Cabs rag­te, gewin­nen konnte.

DSCF0039
(Aus­ge­bau­ter Arca­de­mo­ni­tor von Han­t­arex mit Schutz­bü­gel und Einbaurahmen)

Sound

Stil­echt ist es, den alten Laut­spre­cher zu benut­zen. Da aber die meis­ten Onboard-Sound­kar­ten kei­nen akti­ven Ver­stär­ker­aus­gang haben, griff ich zu einem bil­li­gen 2.1‑System von Hama. Das macht ordent­lich Druck und ist durch die gerin­ge Grö­ße ein­fach zu verbauen.

Joy­sticks

Um die alten Joy­sticks auf USB umzu­set­zen, kann man USB-Kon­ver­ter kau­fen oder aber zu alten Game­pads grei­fen. Das Game­pad soll­te min­des­tens sovie­le Tas­ten haben, wie Euer Cab für jeden Spie­ler bereit­hält – zzgl. Coin, New­Ga­me, Play­er 1 und Play­er 2. Ich kauf­te bei Rei­chelt digi­ta­le USB-Game­pads von Thrust­mas­ter und löte­te an die­se die Joy­stick­ka­bel. Bei sol­chen Lösun­gen kann es zum Prel­len kom­men, d.h. das ein Kon­takt irr­tüm­lich als zwei­mal geschlos­sen erkannt wird. Die Spiel­fi­gur hüpft also zwei­mal statt nur ein­mal. Ich kann die­se Effek­te nicht bestä­ti­gen, alles funk­tio­niert ein­wand­frei. Bei einem Preis von 5,- EUR pro Pad kann man das Risi­ko aber durch­aus eingehen.

Mar­quee und Bezel

Bei mei­nem Cab war das Maquee kom­plett nicht mehr vor­han­den. Side­arts hat­te das Gerät nie und das Bezel befand sich in einem erbärm­li­chen Zustand. Ich habe mir ein neu­es Mar­quee und ein Bezel am Rech­ner erstellt. Im nahe­ge­le­ge­nen Copy­shop liess ich mir die­se auf Folie aus­dru­cken. Papier kann man ver­ges­sen, das Mar­quee ist brei­ter als ein A3-Blatt lang ist, aus­ser­dem wür­de man die Struk­tur des Papiers sehen. Das Bezel besteht bei mir nur noch aus zwei schma­len Strei­fen links und rechts neben den Moni­tor, anstatt eines durch­ge­hen­den Rah­mens und einer Abde­ckung zwi­schen Moni­tor­ober­kan­te und Lautsprecherabdeckung.

Side­arts

Als Side­arts habe ich mir eini­ge Figu­ren und Logos auf selbst­kle­ben­des Papier aus­ge­druckt und die­ses mit Klar­lack mehr­fach lackiert, damit es nicht zu dick wur­de. Ich emp­feh­le aber statt zu lackie­ren, DeCe­Fix Kla­sich­fo­lie zu ver­wen­den, da das Papier durch den Klar­lack einen Per­ga­ment­ef­fekt bekommt.

Eine Sei­te bekleb­te ich mit Pac-Man-Figu­ren, die ich aus ver­schie­den far­bi­gen DeCe­Fix-Rol­len aus­ge­schnit­ten hat­te, mit gesprüh­ter Sei­fen­lau­ge auf dem Cab aus­rich­te­te und dann mit einem Rakel aus­strich. Ja, das ist natür­lich nicht… tolll, aber mein Cab steht im Gäs­te­zim­mer zwi­schen einem Schrank und einer Wand, so dass man die Side­art sowie­so nur auf Aus­stel­lun­gen zu sehen bekommt. Durch den Trans­port sind sie auch schon teils zer­kratzt, aber das tut mir nicht weh, son­dern ver­leiht dem Auto­ma­ten nach mei­ner Mei­nung eine gewis­se Patina.

Mas­sen­spei­cher

Das nor­mals­te ist, eine Fest­plat­te zu benut­zen. Aber da habe ich ja noch mehr Kabel­la­ge im Gehäu­se. Sim­pel, bil­lig, ein­fach zu instal­lie­ren aber auch rela­tiv lang­sam ist ein CF-IDE-Adap­ter. Die­ser wird direkt in den IDE-Port des Main­boards gesteckt. Alter­na­tiv wäre noch ein fest­ein­ge­bau­tes CD/DVD-Lauf­werk zu erwäh­nen, mit dem man eine even­tu­ell ange­pass­te MAME-Ver­si­on auf einer Linux-Live-CD star­ten kann.

JAMMA

(Japan Amu­se­ment Machine­ry Manu­fac­tu­rers Asso­cia­ti­on) Die meis­ten Auto­ma­ten ab 1986 haben Ste­cker nach den Nor­men die­ses Ver­ban­des. Damit konn­te man in jeden Auto­ma­ten die ver­schie­de­nen Pla­ti­nen (Spie­le) der Her­stel­ler ste­cken. Der Ste­cker setz­te die Anschlüs­se von Moni­tor, Joy­sticks und der per­sen Push­but­tons zur Verfügung.

Aus­gangs­la­ge

Hier die Aus­gangs­la­ge, wie ich sie hatte:

SL731047
(Moni­tor defekt, Bezel am Ende)

DSCF0037
(Lee­res Arcadegehäuse)

Schreibe einen Kommentar

Ich bin mit der Datenschutzerklärung und der Speicherung meiner eingegebenen Daten einverstanden.