Analoge Videobänder digitalisieren

Lesedauer 5 Minuten

Tipps und Tricks zum Digitalisieren und sichern von analogen Videobändern auf aktuelle Medien als Maßnahme gegen das digitale Vergessen.

Digitales Voodoo

Im Videobereich ist so viel (Aber-)Glaube wie im HiFi-Bereich unterwegs. Aber wenn für diese Leute das Ergebnis stimmt, dann sollen sie es eben so machen. Ich zeige Euch einen gangbare(re)n Weg, ganz ohne Voodoo-Hoodoo und 1.000 Spezialgeräten.

Meine persönlichen Erfahrungen aus den ganzen Digitalisierungen der alten S-VHS-Bänder – andere mögen andere Erfahrungen gemacht haben. Oder um es mit dem Mitarbeiter eines sehr bekannten Video-Grabberproduzenten zu sagen:

In den Foren sehen manche Leute Dinge im Material,
die wir hier nicht nachvollziehen können.

Merke: Wo keine Information drin steckt, kann man auch keine extrahieren. Wir sind hier nicht in einer schlechten Krimiserie, sondern im echten Leben. Das wichtigste Glied in der Kette ist das Abspielgerät. Kommt da Grütze raus, kann keine Software diese verbessern.

Mein Setup

Ich bin jedenfalls mit der Stabilität, der Farbreinheit und Schärfe des Bildes mehr als zufrieden. Meine Kombination aus Mitsubishi E82(1) und einem MSI Movie Vox Mini(1) mit Empia 2681-Chipset funktioniert hervorragend. Ihr könnt aber auch zu jedem anderen Videograbber(1) greifen, für den es Treiber für Euer Betriebssystem gibt.

Was ist ein gutes Bild?

Man muss da natürlich immer wieder die Frage aufwerfen, ob alle Sichtgeräte am Ende farbkalibirert wurden. Antwort: natürlich nicht! Ganz im Gegenteil! Ein Fernseher kommt aus der Packung mit ganz fürchterlich verbogenen Farbprofilen, die die meisten Menschen aber toll finden. Das Bild muss im Laden „knallen“, um das Gerät zu verkaufen. Schlimm.

Wenn der Kino-Blockbuster aber durch solche Voreinstellungen und eine 100 Hz-„Optimierung“, wie eine Soap-Opera im Nachmittagsprogramm aussieht, ist eh Hopfen und Malz verloren.

Am Ende weiß man nachher nicht, wie das Bild bei der Uroma auf ihrem kitschig-bunt eingestellten Samsung Fernseher aussieht. Das „perfekte Bild“ wird es eher selten geben. Und es geht am Ende auch nicht um den letzten Tonwert, sondern um die Inhalte der Bänder und die Erinnerungen.

Das Einzige, was Ihr noch machen könnt, wäre Euren Monitor zu kalibrieren. Dann stimmt wenigstens alles auf Eurer Seite. Dazu benötigt Ihr ein Kolorimeter(1). Die kann man sich eventuell auch mal ausleihen. Vielleicht habt Ihr einen Fotografen im Bekanntenkreis?

Grundsätzliche Tipps

Mein Ansatz ist pragmatisch, deswegen hier meine grundsätzlichen Tipps:

  • Beeilt Euch, wenn Ihr noch was sichern wollt! Die Qualität nimmt mit zunehmendem Alter rapide ab!
  • Die Bänder stehend lagern! Niemals liegend! Damit wird die Synchronspur beschädigt! Bei gleichbleibend niedriger Temperatur und Luftfeuchtigkeit sind die am besten aufgehoben.
  • Alte Bänder, die Ihr in der Vergangenheit mit einem neuen Video überspielt habt, sehen jetzt schon grottig aus! Vor allem der Ton(!) leidet! Selbst wenn es HiFi-Stereo-Ton war.

svhs adapter
(VHS-C-Kassette in einem VHS-Adapter)

Software

Welche Geschmacksrichtung man bei den Schnittprogrammen wählt, ist egal. Ob Magix Video Pro X(1), Open Shot, Kdenlive oder Final Cut, ist letztlich egal und vom Betriebssystem abhängig. Hier geht es um die grundlegenden Dinge, gleichermaßen eine FAQ zum Digitalisieren von Videokassetten.

Videorekorder

Wenn Ihr keinen Rekorder mehr habt, dann kauft Euch einen guten alten (baugleichen Videorekorder)(1) von zum Beispiel Panasonic, Blaupunkt, Bauer oder Mitsubishi. Die, bei denen das Laufwerk nicht(!) mittig sitzt. Da ist die Mechanik teils noch aus Druckguss. Alternativ sind auch noch die Profi-Geräte von JVC(1) erste Wahl.

Wenn Ihr hier spart, dann müsst Ihr keine angemessenen Ergebnisse erwarten. Es besteht außerdem die Gefahr, dass ein alter Heim-Videorekorder mit seiner ausgeleierten Billig-Mechanik Eure Bänder zerstört.

Tipps zum Videorekorder

Mitsubishi E82 laufwerk
(Innenleben des Mitsubishi E82(1) S-VHS-Rekorders)
  • Die Kopftrommel nie mit Q-Tipps oder Zewa reinigen, damit könntet Ihr die Köpfe von der Trommel abreißen! Nehmt ein einfaches (Kopier-) Papier, tränkt es mit etwas Spiritus und haltet es an die Kopftrommel, während Ihr diese dreht. Wiederholt diesen Vorgang, sobald „Fische“ im Bild auftauchen.
  • Lasst den VCR warm werden! Spielt ruhig ein (unwichtiges/leeres) Band einmal ab.
  • Spult das zu digitalisierende Band ein- oder zweimal vor und wieder zurück, wenn Ihr durch das Schaufenster schaut, dass es unsauber gewickelt wurde.
s vhs
(Schlecht aufgewickeltes VHS-Band)
  • Nehmt gute Kabel, am besten „S-VHS“-Kabel. Vergoldete Kontakte sind nicht zwangsweise Zeichen eines guten Kabels. Stichwort „Voodoo“. 🙂
  • Kurze Wege: direkt vom VCR in den Grabber, nichts dazwischen stecken, was das Bild „optimieren“ soll.

Tipps zum Grabber

  • Ein einfacher Grabber(1) reicht aus. Ich habe hier vier oder fünf teils echt teure Grabber von „Premiummarken“, bei denen ich keinen Unterschied in der Videoqualität feststellen kann. Am Ende benutze ich so einen einfachen von MSI mit Empia-Chipset(1), schlicht, weil dieser mit jedem Betriebssystem problemlos funktioniert.
  • Grabber mit HDMI- oder RGB-Eingang bringen keinen Vorteil. Kaum ein VCR hat so einen Ausgang.
digitalisieren svhs
(MSI Movie Vox Mini(1) mit Empia 2681-Chipset, welchem seinerzeit eine gute Jitterkorrektur von der c’t bescheinigt wurde)

Tipps zum Digitalisieren

  • Nehmt den Sound ruhig über die On-Board-Soundkarte auf. Das spart bei mir enorm Ressourcen. Warum auch immer.
  • Eine Auflösung von 720x576i ist für das Digitalisieren vollkommen ausreichend. Auch S-VHS hat nur 420 Linien. VHS sogar nur 240! Höhere Auflösungen sind sinnlos und stellen höhere Anforderungen an das System.
  • Lasst die Einstellungen im Capture-Programm, wie sie vorgegeben sind. Ein Deinterlace ist sinnlos. Das sieht auf dem Fernseher nachher viel besser als am Monitor aus.
  • Nicht an den Bildeinstellungen im Aufnahmeprogramm herumfummeln. Das kann man auch alles hinterher im Schnittprogramm noch ändern, wenn dies nötig sein sollte.
  • Nehmt Bildeinstellungen nur am Rekorder vor, falls er dies unterstützt.
einstellmöglichkeiten videorekorder
Die zahlreichen Einstellmöglichkeiten eines hervorragenden S-VHS-Rekorders
Mitsubishi E82
Digitale Spurlagekontrolle
  • Nehmt das neueste/beste Band zuerst, dann seht Ihr, wie gut die Qualität sein kann. Beim ältesten Band fangt Ihr sonst an zu „optimieren“, weil es einfach nicht gut aussieht. Das ist Zeitverschwendung. Wo keine Qualität ist, kann auch mit Haushaltsmitteln und -budget keine hergezaubert werden. Außerdem nudelt Ihr bei Euren Versuchen nur das Band weiter ab. Jedes Abspielen macht das Band schlechter, wenn nicht sogar unbrauchbar!
  • Lasst die Bildstörungen am unteren Rand und ggf. an den Seiten (vom Digital Image Stabilizer meiner Panasonic S-VHS-Kamera) ruhig dran. Die waren früher auch da, nur sah man die nicht durch den Overscan der TV-Geräte. Heute ist das Fernsehbild eben pixelgenau auf allen Geräten gleich weit sichtbar. Nach einigen Sekunden achtet man da nicht mehr drauf. Besser als ein schwarzer Rand um das Bild, wie es Magix macht. Und viel besser, als in das Bild zu zoomen, dadurch wird es nur unscharf. Ein bisschen VHS-Flair schadet nicht. 🙂
Hinweise
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