Kritik zur Serie „Infiltration“

Lesedauer 8 Minuten

Ist die Serie Infiltration tatsächlich so mittelmäßig, wie die Kritiker behaupten, oder doch des Binchens würdig? Hier ist meine Meinung dazu.

Marketing ist alles!

Googelt man im Internet nach der Serie Infiltration (org.: „Invasion“), so wird als drittwichtigster Darsteller werbewirksam Sam Neill erwähnt. Warum nur? Dieser hat nur eine völlig unwichtige Nebenrolle.

Auch in der Wikipedia wird prominent eine Kritik erwähnt, die generell Zweifel aufkommen lässt, ob der Kritiker die Serie überhaupt komplett schaute:

Daniel Fienberg vom Hollywood Reporter sagte, Infiltration stehe „auf der Grenze zu 10 Episoden voller Prolog“, der „so pur und unbefriedigend“ sei, dass „Evasion ein besserer Titel“ wäre. Er nannte die Serie „am Anfang unterhaltsam, dann nervend und letztendlich einfach verwirrend“, hob jedoch die Leistung von Sam Neill hervor.[11]

Wessen Leistung? Ach ja, korrekt, Sam Neill spielt in der ersten Episode mit. Für insgesamt vielleicht … zehn Minuten? In einer Rolle, die für die Handlung keinerlei (null, nada, nothing) Relevanz hat. Reiner Marketing-Gag. Im Prinzip hat man auch das Gefühl, dass er sich und sein Leben nur selbst spielt. Absolut nicht erwähnenswert und keine Rolle, die hebt.

Was an der Serie „verwirrend“ sein soll, erschließt sich mir nicht. Unzeitgemäß langsam erzählt, ja, – aber verwirrend? Es wird doch sicher eine Kritik geben, bei der man den Eindruck hat, dass der Kritiker nicht nur jeweils zehn Minuten jeder Folge am Stück geschaut hat? Eine solche kann man doch auswählen, und nicht die Erstbeste, selbst wenn sie vom Hollywood Reporter stammt.

Aber genug der Kritik an einer Kritik und an der Wikipedia.

Handlung

Die Wikipedia fasst die Handlung wie folgt zusammen:

Eine Alieninvasion wird aus der Perspektive verschiedener Menschen auf unterschiedlichen Kontinenten dargestellt.[4]

Das kann man so stehen lassen. Wer nun aber denkt, dass es hier um Personen aus verschiedene Kulturkreisen geht, der liegt falsch. Zwei Handlungsstränge zeigen US-Bürger, einer einige britische Jugendliche und der vierte eine japanische Frau. Schade, Chance verpasst.

Die Alieninvasion geschieht langsam, gewissermaßen in Echtzeit. Und sie bleibt nebulös. Selbst der Zuschauer hat keinen Überblick. Was hervorragend ist! Diese Unsitte, dass der Zuschauer mehr weiß als die Protagonisten, soll nur den nicht vorhandenen Intellekt der Zuschauer schmeicheln. Hier muss das Publikum aber mitleiden und raten, was dort gerade vor sich geht – was erfreulich spannend ist.

Diese Spannung wird eben nicht durch Verfolgungsjagden oder öde Krach-Bumm-Action (siehe Marvel-Movies) generiert, sondern aus der Ungewissheit, wie es weitergehen soll.

Adressierte Zielgruppen

Sam Neill wird also erwähnt, um wieder einmal die Generation X anzusprechen. Also … mich zum Beispiel. Das sieht man ja bei anderen Serien und Filmen ebenfalls. Das klappt mal mehr und mal weniger gut, ist aber nach meinem Dafürhalten meistens peinlich, wenn es nicht als Parodie daherkommt.

Bisher hat nur Netflix‘ „Stranger Things“ es geschafft, das Gefühl der 1980er rüberzubringen, ohne dabei platt und aufgesetzt zu wirken. Das andere Extrem ist „Boss Level(1), eine Parodie auf die Filme der 1980er, die auf Amazon Prime läuft. Jeder ProGamer der GenX wird diesen durchgeknallten Film lieben. Nicht unerwähnt lassen will ich hier die halbwegs intelligente Komödie „Free Guy(1), die im Gegensatz zu „Boss Level“ aber Gamer aller Generationen anspricht und gut unterhält.

Bei Infiltration gibt es als unübersehbaren Trigger einen Walkman, auf dem Songs von Nirvana laufen. David Bowies Space Oddity gehört auch hier zum üblichen Soundtrack und die Amis sind immer noch in Afghanistan. Ja, gut, die Serie wurde 2018 erstmals konzipiert, da konnte noch niemand den verheerenden Rückzug ahnen.

Quizfrage: „Für welche Generation spielt Japan noch eine große Rolle?“
Ei, ei, ei, ich und meine Suggestivfragen!
Die Antwort ist klar: Die Generation, für die die Namen Honda, Yamaha, Sony und Nintendo ein Donnerhall sind.
Japan musste also mit hinein, logisch!

Alles an Infiltration ist also auf meine Generation ausgelegt. Man fühlt sich gleich wie zu Hause, wie in Serien und Filmen der 1980er und 1990er. Wenn da eine Sache nicht wäre:

Emogelaber

Regt sich wirklich kein Kritiker mehr über das heute übliche, uninteressante und ewig gleiche Emogelaber in den Serien auf? Haben die alle akzeptiert, dass man Gefühle nicht mehr spielt, sondern ausspricht? „Don’t talk about it! Play it!

Diese Steven-Spielbergisierung der Dialoge in Serien begann wohl mit Falling Skies (hier streamen)(1). Eine nur schwer zu ertragene Sci-Fi-Familien-Schmonzette mit Logikfehlern so groß wie ein supermassives Schwarzes Loch und dem ätzendsten Hurra-Patriotismus dieses Jahrtausends. Leider hat sich dieser Trend in den letzten Jahren noch verstärkt.

Allen voran darf ich hier „Picard(1)“ erwähnen, deren Konsum ich in der zweiten Staffel aus reinem Selbstschutz abbrechen musste. Nur „Discovery(1)“ toppt das noch: „Uninteressante Problemchen von weinenden Frauen in Führungspositionen im Weltraum“ wäre der korrekte Titel für diesen gottverdammten Mist.

Aber es geht noch besser! „The Expanse(1)“ legte die Latte für Leersprech wirklich hoch – nur warum müssen sich immer noch alle Autoren im Dialogniveau unterbieten? Die halten ihr Publikum für grenzdebil oder die Schauspieler für unfähig. Von sich selbst sind sie aber überzeugt und bemerken nicht einmal, was für einen unerträglichen Müll sie verzapfen.

Wir haben aber nichts anderes!„, werden Trekkies und SciFi-Fans nun einwerfen.
Falsch!
Wir haben The Orville, deren dritte Staffel(1) gerade sehr vielversprechend anläuft und die Picard, Discovery und auch Strange New Worlds(1), einfach nur so komplett überflüssig und alt aussehen lässt. Profitipp: Lensflares, Tattergreise, ödes Emogelaber und die langweiligen persönlichen Probleme von Einzelpersonen (gerne auch aus gesellschaftlichen Randgruppen) will niemand mehr sehen.

Warum erwähne ich das?

Weil das „Infiltration“ tatsächlich viel besser macht. Pro Folge sah ich mich nur gezwungen ca. 100 Sekunden bedeutungsschweres vor sich Hinstarren und sinnfreie, redundante Dialoge zu überspringen. Das verdient in der heutigen Zeit immerhin die Note „befriedigend“.

Einzig einige Probleme der Familie – und vor die des US-Marines in der letzten Folge sind einfach nur überflüssig und nervtötend. Hier wird tatsächlich die Intelligenz des Publikums durch dauernde Wiederholungen und weiterer Erörterung der Probleme beleidigt.

Woke?

Infiltration zeigt endlich mal eine gleichgeschlechtliche Beziehung, die nicht künstlich dramatisiert oder zur Schau gestellt wird – auch das verdient ein dickes Lob. Natürlich hätten diese Rollen mit dem üblichen Familienmodell ebenfalls funktioniert, aber sorry, diesen Part hat schon die US-Mittelklasse-Familie mit Migrationshintergrund übernommen. Mehr von dem öden, tausendmal gesehenen und ewig gleichen Drama-Schmalz musste nun wirklich nicht sein. Hier wurde fast alles richtig gemacht.

Tricktechnik

Fotografisch bietet Infiltration keinerlei Überraschungen. Mich erinnert die Optik und die Atmosphäre ein ganz klein wenig an „28 Days later(1)“, warum auch immer. Jedenfalls ist die sparsam eingesetzte Tricktechnik auf der Höhe der Zeit und erfreulich weit von der peinlichen Plastikoptik von Filmen wie „Phantastische Tierwesen 3: Dumbledores Geheimnisse(1)“, „Tod auf dem Nil(1)“, oder den aktuellen Netflix-Blockbustern entfernt, die allesamt komplett im Studio entstanden. Infiltration besticht hier durch sehr viele gelungene Außenaufnahmen.

Gleichwohl sieht man niemals eine 3D-Darstellung eines Alienschiffes – und auch die Aliens selbst nur in Form derer durch die Straßen marodierenden Infiltratoren. Aber das tut der ganzen Sache keinen Abbruch und ich habe da auch nichts vermisst.

Wer sich an der künstlichen Optik der Infiltrator-Aliens stört, dem sei gesagt, dass das in der Natur der Sache liegt, wenn die Außerirdischen als absolut fremd dargestellt werden sollen. Mich erinnern diese Viecher an das Spiel „World of Goo(1)“.

FSK 16

FSK 16? Ja, na ja, klar. Die Aliens kamen nicht zum Kuscheln, oder? Die Bilder ähneln denen aus einem beliebigen Kriegsgebiet. In einer Szene operiert eine Ärztin eine Art Aliensamen in einer langen Großaufnahme aus dem offenen Bauchraum eines Patienten. Das ist aber eher Kindergeburtstag, denn ich bin jemand, der solche … hmmm … blutigen „Splatterszenen“ gerne überspringt. Das ist nicht meins, da bin ich zu sehr ein Weichei. Diese Szene hingegen sah verdammt echt, unblutig und hochinteressant aus. Generell werden Verletzungen niemals zum Selbstzweck oder der Unterhaltung der Zuschauer eingesetzt. Sonst wäre auch die FSK eine andere, nicht wahr?

Klischees?

Diese Familie sorgt immer wieder für diese Momente, wie sie klischeehafter kaum sein könnten: kreischende Kinder im Angesicht tödlicher Gefahr stellen hier das rollende Fass an Deck dar, auf das man gerne verzichten möchte.

Aber okay, was soll man sich darüber aufregen? Wenigstens werden diese nervend kreischenden Personen hier nicht ohnmächtig, nachdem sie die Monster oder Bösewichte angelockt haben. Das Thema wurde dankenswerterweise in A-Movies wohl mit Indiana Jones und der Tempel des Todes(1) erst persifliert und dann zu Grabe getragen.

Infiltration macht hier nicht viel falsch. Zwar birgt die Serie keinerlei überraschende Plot-Twists, aber sie hält die Zuschauer auch nicht für total verblödet, sodass nicht jede Handlung erklärt wird. Sehr angenehm, aber vielleicht überforderte das den o.a. Mister Flienberg ein wenig?

Trotzdem will ich die Rollenklischees nicht unerwähnt lassen:

  • US-Soldat, farbig, mit Eheproblemen
  • Fremdgehendes Weichei, unzuverlässiger Familienvater
  • Unzufriedene Familienmutter, abgebrochenes Medizinstudium der Familie wegen
  • Britische Kinder der untersten Mittelklasse aus zerrütteten Elternhäusern
  • Lesbische Karrierefrauen, daher nicht geoutet
  • Unterschätztes, Wunderkind mit fehlendem Selbstbewusstsein

Aber das passt schon alles, denn mit einem kinderlosen, langweiligen Buchhalter aus der Reihenhaussiedlung, lässt sich eben nicht viel Konfliktpotenzial generieren, ohne dass es konstruiert wirkt. Ohne den üblichen Grundzündstoff wäre die Storyline deutlich schlechter in die Hufe gekommen.

Darsteller

Hier gibt es keinen Totalausfall. Allen nimmt man die Rollen, die sie spielen, problemlos ab. Auch undankbare Rollen, wie die des feigen Familienvaters oder die des jugendlichen Mobbers werden von Firas Nassar und Paddy Holland hervorragend verkörpert. Generell genießt jeder Schauspieler meine Hochachtung, der mit Hingabe eine unsympathische Rolle spielt.

Golshifteh Farahani, eine rehäugige Schönheit, spielt die gehörnte Ehegattin, die im Laufe der Staffel zwangsweise immer härter wird, überzeugend und ohne ganz ohne den Blick eines Rehs im Scheinwerferlicht eines heranrasenden Lastwagens. Negativbeispiel aus anderen Serien: Sonequa Martin-Green („The Walking Dead(1)“ und „Discovery(1)“) kann nicht schauspielern und verlässt sich daher einzig auf diesen nervenden Blick, der im Bestfall noch mit aufsteigenden Tränen kombiniert wird.

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Georges Biard, Golshifteh Farahani Césars 2014 2, CC BY-SA 3.0

Shamier Anderson verkörpert den getriebenen und von seinen Dämonen der Vergangenheit verfolgten US-Soldaten nachvollziehbar und glaubhaft. Ihm toppt aber noch Billy Barrat in der Rolle des unterschätzten und gemobbten Wunderkindes.

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Jeff Hitchcock from Seattle, WA, USA, Shamier (29931945720), CC BY 2.0

Erwähnenswert auch die Leistungen der japanischen Darsteller wie Shioli Kutsuna, die aussieht wie ein lebendig gewordenes Manga, Daisuke Tsuji und vor allem Shingo Usami der den Leiter des JASA spielt und ganz exzellent einen japanischen Vorgesetzten mimt. Alle drei hätten meine Kollegen in der japanischen Firma sein können, für die ich einige Jahre lang arbeitete. Chapeau! Okay, die beiden letztgenannten Darsteller leben und arbeiten schon lange nicht mehr in Japan und neigen somit nicht per se zu dem üblichen japanischen Overacting.

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Dick Thomas Johnson from Tokyo, Japan, Deadpool 2 Japan Premiere Red Carpet Kutsuna Shiori (40649298890), CC BY 2.0

Erzähltempo

Ja, das in der Kritik erwähnte „Gefühl des ewigen Prologs“ ist nicht ganz falsch. Nur nennt man das eigentlich „Charakterentwicklung“, aber sei es drum, das ist ja eh schon lange – selbst in Serien, die den Platz dafür hätten – aus der Mode geraten.

Diese Charakterentwicklungen sind trotz des langsamen Erzähltempos, doch recht unterhaltsam.

Realismus?

In einer Sci-Fi-Serie? Ja, doch. Das rührt vorwiegend daher, dass sie in der heutigen Zeit angesiedelt ist und keine übermenschlichen Helden in Szene setzt. Der realistische Eindruck liegt nicht zuletzt daran, dass der Fokus auf „die kleinen Leute“ gerichtet wird.

Richtige Helden gibt es nicht – leider aber einen recht plakativen und feigen Familienvater als Antihelden. Erst frohlockt man über dessen Filmtod, aber bedauerlicherweise kehrt er wieder – um dann letztlich aber befriedigend den aufopfernden und selbstlosen Heldentod zu sterben. Der Zuschauer atmet auf! Endlich ist er weg.

Das ist kein Spoiler, denn das kommt eigentlich von Anfang an mit Ansage. Hat jemals in einer Serie oder in einem Film der Feigling am Ende überlebt? Das wäre zwar realistisch, würde aber der durch den Zuschauer erhofften Strafe zuwiderlaufen.

Wer vom Ende der Serie, wie es in der vorletzten Episode zu sehen ist, enttäuscht ist, weil er es für unrealistisch hält, sollte die letzte Folge abwarten. Diese wirkt zwar bis kurz vor Schluss vollkommen überflüssig, aber sie ist es nicht.

Ich gestehe aber, dass ich hier die Auflösung der persönlichen Probleme des US-Soldaten fast komplett übersprungen habe, denn die waren weder neu noch interessant, sondern einfach nur absolut redundant und vorhersehbar. Augenscheinlich ein Lückenfüller, auch wenn diese Storyline am Ende zu der Endszene der ersten Staffel führt.

Fazit

Soll ich mal anfangen, Sterne zu vergeben? Okay, vier von fünf Sternen (4/5). Klar ist die Serie auf die Generation X ausgelegt, wie so viele andere Filme und Serien. Aber hier springt das einem nicht mit dem nackten Hintern ins Gesicht und brüllt dabei: „Aaaaachtzigeeer!“.

Ich habe die erste Staffel fast am Stück gebincht. Das muss man als Streaming-Dienst erst einmal schaffen, denn ich bin rasch gelangweilt und habe schon viele Serien abgebrochen, sobald sie den roten Faden für mehr als eine halbe Stunde aus den Augen verloren haben.

Klar, Infiltration ist nun kein Pflichtprogramm, das zeigen auch die nur durchschnittlichen Bewertungen der Kritiken. Trotzdem fühlte ich mich gut unterhalten und freue mich bereits jetzt auf Staffel 2.

Wer streamt Infiltration?

Infiltration kann man auf Apple TV+ schauen.

Bildnachweis

Wie immer habe ich keine originalen Bilder hier. Schlicht aus Urheberrechtsgründen.
Bild von Pete Linforth auf Pixabay

Hinweise
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