Erin­ne­run­gen: Mein Ata­la Hop

Lese­dau­er 6 Minu­ten

Vor eini­gen Mona­ten stö­ber­te ich im Inter­net nach einem alten Fahr­rad von mir, einem Ata­la Hop. Das war im Prin­zip die Idee eines Bonan­za-Fahr­ra­des zu Ende gedacht. Statt nur eine ange­deu­te­te Fede­rung zu haben, war die­ses Rad wohl eines der ers­ten soge­nann­ten „Ful­lys”, ein voll gefe­der­tes Fahr­rad. Im Netz ler­ne ich dann, dass Bona­za-Rad ein Begriff wie „Tem­po-Taschen­tuch” ist. Ein Mar­ken­na­me wur­de zum Gat­tungs­be­griff. In Öster­reich setz­te sich der Mar­ken­na­me „High Riser” durch. Bei mei­nen Recher­chen stiess ich die sehr gei­le Sei­te von René, der dort sei­ne Highri­ser-Fahr­rä­der prä­sen­tiert und auch eini­ges über die Sze­ne zu berich­ten weiss. Da sich jeder Web­sei­ten­be­trei­ber über Feed­back freut, griff ich in die Tas­ten und schrieb ihm eine Mail:

Hal­lo René,

wun­der­ba­re Räder, tol­le Site, super Bil­der. Auch das You­tube-Video mit Eurem „Wett­kampf“ hat mir sehr viel Spass gemacht. Scha­de, dass ich dann doch ein wenig zu weit weg wohne. 

Neu­lich stö­ber­te ich mit mei­nem Sohn in den alten Bil­dern. Da fiel uns auch ein Pho­to sei­nes alten Kawa­sa­ki MX 20“ in die Hän­de. Das ist so ein sack­schwe­res, extrem mas­si­ves Ful­ly für Kin­der gewe­sen. Er bekam gleich wie­der die­sen Blick… Du weisst schon! Der muss anste­ckend sein, denn ich erin­ner­te mich gleich an mein Lieb­lings­rad: ein Ata­la Hop! Ich woll­te mei­nem Sohn zei­gen, was ich damals für ein sau­coo­les Rad hat­te, aber ich hat­te lei­der nie Bil­der davon gemacht. Also flugs Tan­te Goog­le um Rat gefragt! Da es aber nicht son­der­lich vie­le Infos zum Ata­la Hop gibt, lan­det man zwangs­wei­se auf Dei­ner Seite.

Mein ers­tes Rad über­haupt war ein leuch­tend oran­ges Bonan­za-Rad. Das muss so 1972 gewe­sen sein, zu mei­nem fünf­ten Geburts­tag. Die glän­zen­de Far­be leuch­te­te in der Früh­lingson­ne mit den Chrom­ap­pli­ka­tio­nen um die Wet­te. Der lang­ge­streck­te schwar­ze Bana­nen­sat­tel wur­de hin­ten von einem glit­zern­den Chrom­bü­gel – der Sis­sy­bar – gehal­ten und sah so ver­dammt läs­sig aus. Auf den bei­den Ober­roh­ren befand sich ein gro­ßer schwar­zer Gang­he­bel, seit­lich mit Holz­de­kor ver­ziert, der augen­schein­lich direkt aus der Mit­tel­kon­so­le eines US-Mus­cle-Car stamm­te. Die Vor­der­rad­ga­bel hat­te ver­chrom­te Spi­ral­fe­dern, die eine Fede­rung imi­tier­ten. Das kam mir aller­dings schon als Fünf­jäh­ri­ger suspekt vor.

Das Bonanz­a­rad stand auf dem Bür­ger­steig neben dem flamm­neu­en, renn­gel­ben Fiat 128 mei­ner Mut­ter und der roten Gui­lia mei­nes Vaters. Die Gulia hat­te sogar eine grü­ne Alfa-Romeo-Schlan­ge auf der Motor­hau­be. Kein lah­mer Käfer, kein spies­si­ger Kadett oder alt­mo­di­scher Ford Tau­nus neben einem Klapp­rad. Nein! Alfa, Fiat und ein Bonanz­a­rad! Zeit­geis­ti­ger geht es kaum. Ich könn­te auch schwö­ren, dass ich durch das offe­ne Sei­ten­fens­ter das Auto­ra­dio die Bee Gees mit „Sweet Song of Sum­mer“ spie­len hörte.

Atala Hop Fiat 128
(Fiat 128, Wiki­me­dia, gemein­frei­es Bild von Charles01, 1970)

Atala Hop Alfa Gulia
(Alfa Romeo Gui­lia, Wiki­me­dia, Crea­ti­ve Com­mons-Lizenz, Bild von Charles01, 1978)

Auf die­sem Rad lern­te ich also tat­säch­lich das Rad­fah­ren. So ein Bonan­za ist eher sub­op­ti­mal um dar­auf zu ler­nen. Man sitzt zu hoch und die Räder sind zu klein – das Rad ist eigent­lich dau­ernd am kip­peln. Aber wenn man mit dem Ding fah­ren kann, dann kann man alles fah­ren, was zwei Räder hat. 

Ich weiss noch, dass ich mir wäh­rend der Fahrt immer wie­der die vie­len tol­len Details an dem Rad ange­schaut habe, wäh­rend mein Vater hin­ten das Rad im Gleich­ge­wicht hielt. Was inter­es­sier­te mich, was vor mir auf der Stras­se vor sich ging? Irgend­wann muss­te er los­ge­las­sen haben, denn er ant­wor­te­te nicht mehr auf mei­ne Fra­gen. Muss ich extra erwäh­nen, dass die Fahrt abrupt in einem Jäger­zaun ende­te, als ich mich nach ihm umdreh­te und den ver­chrom­ten Chop­per­len­ker dabei ver­riss? Was am Ende mit dem Rad pas­siert ist, weiss ich gar nicht mehr. Ich ent­sin­ne mich nur noch, dass ich auf der letz­ten Fahrt über eine Plas­tik­tü­te fuhr und sich der der Kunst­stoff direkt in das Tret­la­ger arbeitete.

Irgend­wann spä­ter bau­te ich ein sil­ber­nes Klapp­rad um: Ich säg­te von einem kaput­ten Renn­rad die Gabel weit oben ab, säg­te an der Klapp­rad­ga­bel das Maul für die Ach­se ab und steck­te die Renn­rad­ga­bel so auf die Gabel des Klapp­ra­des, dass die Enden nach unten zeig­ten. Da ich als Zwölf­jäh­ri­ger natür­lich kein Schweiss­ge­rät besass, muss­te die Kon­struk­ti­on erst­mal so hal­ten. Vor­ne also ein 28er Rei­fen an einer end­los lan­gen Gabel, hin­ten das 20er ori­gi­na­le Räd­chen. Ein ech­ter Low-Cost-Chopper.

Dann die Pro­be­fahrt. Ich woll­te das Rad eigent­lich zu einer Auto­werk­statt fah­ren las­sen und die Gabel dort schweis­sen las­sen. Aber… das Geschoss liess sich so wun­der­bar fah­ren! Also wei­te­te ich die Pro­be­fahrt aus. Eine lang­ge­zo­ge­ne Zufahrt run­ter zur Ful­da – wir waren in Büchen­wer­ra in unse­rem Wochen­end­haus. Ich kam mir vor wie Peter Fon­da in Easy Rider, also liess ich es locker rol­len. Fan­tas­tisch! Unten ange­langt fiel mein Blick bei­läu­fig auf den Klapp­ver­schluss des Rades, oder eben nicht! Der fehl­te näm­lich! Bei den Lack­ar­bei­ten hat­te ich den ent­fernt und wie­der ver­ges­sen ein­zu­bau­en. Den Rück­weg schob ich das Rad dann sicher­heits­hal­ber lie­ber doch.

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Wei­ter kam ich mit mei­nem Umbau damals nicht. 🙂

Auf einem Cam­ping­ur­laub mit Onkel und Tan­te in Ita­li­en (Vene­zi­en, Jeso­lo, Cam­ping­gar­den Para­di­so) im Jahr 1982, sah ich im Schau­fens­ter des ört­li­chen Fahr­rad­händ­lers, direkt am Hafen, ein gel­bes Ata­la Hop. Ich wuss­te nicht, wo ich zuerst hin­schau­en soll­te! Das Fahr­rad hat­te vor­ne und hin­ten Federn! Wie ein Motor­rad! Das gab es ja noch nie! Ech­te Federn! Nicht sol­che Fake-Federn wie bei mei­nem Bonanz­a­rad! Vor­ne eine klas­si­sche Tele­skop­ga­bel und hin­ten zwei Feder­bei­ne mit getürk­ten Ölaus­gleichs­be­häl­tern, wel­che sogar nutz­lo­se klei­ne Schläu­che für den Druck­aus­gleich hat­ten. Der schwar­ze Len­ker hat­te ein Sturz­pols­ter und auf dem Ober­rohr thron­te fast der glei­che Gang­he­bel wie auf mei­nem Bonanz­a­rad zuvor! Eine lan­ge und brei­te Sitz­bank mit klei­ner, ange­deu­te­ter Sis­sy­bar wur­de von zwei racing­mäs­sig geloch­ten Trä­gern gehal­ten. Der gro­ße Schein­wer­fer hat­te einen Stein­schlag­schutz! Die Räder hat­ten Decken mit Endu­ro-Pro­fil und dazu ech­te Trom­mel­brem­sen! Abso­lu­ter Wahn­sinn! Brei­te, weis­se Kunst­stoff­schutz­ble­che mit Renn­auf­kle­bern run­de­ten das äus­serst gelun­ge­ne Design (in den Augen eines Kin­des) ab.

Atala Hop
(Ata­la Hop, © René Wal­ter, Highri​ser​.at)

Ich war sofort hef­tig ver­liebt. Mein Cou­sin und mein klei­ner Bru­der drück­ten sich neben mit die Nasen an der Schei­be platt. Wir hat­ten alle ein äußerst hef­ti­ges Must-Have-Gefühl. Mein Cou­sin Andre­as kauf­te sich am nächs­ten Tag das Ata­la in gelb. Mist! Das war mei­ne Lieb­lings­far­be und die stand dem Rad auch noch so ver­dammt gut! Ich woll­te ihm nie etwas nach­ma­chen. Gelb war also gestor­ben. In rot sah das Ding doch auch nicht übel aus, oder? Ja, rot, war super. Oder so. Ich mach­te tags dar­auf also mei­ne auf einem Spar­buch fest­ste­cken­de Kon­fir­ma­ti­ons­koh­le durch einen Pri­vat­kre­dit bei mei­nem Onkel klar. Zahl­bar ohne Zin­sen direkt nach Rück­kehr in der Hei­mat. Mit mei­nem Cou­sin cru­is­ten wir auf dem weit­läu­fi­gen Cam­ping­platz wie die Irren her­um. Mit 14 Jah­ren war ich für das Geschoss defi­ni­tiv zu groß, aber es war ein­fach nur geil.

Mein klei­ner Bru­der (11) sag­te nichts, war aber total fer­tig – und nach­voll­zieh­bar nei­disch. In mei­ner Freu­de über das Rad merk­te ich das aber gar nicht. Erst mein Onkel rede­te mit mir und frag­te, ob ich ihm das Geld nicht bis zu sei­ner Kon­fir­ma­ti­on lei­hen könn­te. Er wür­de es wie­der bis zur Rück­kehr vor­stre­cken. Ich lieh also mei­nen Bru­der das Geld, wenn ich mich recht ent­sin­ne waren das 350,- DM. Bru­der war hap­py und kauf­te sich das Teil in… rot. *seufz*


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Cam­ping­gar­den Para­di­so, Lido di Jesolo

Die Rück­fahrt war inter­es­sant, denn schließ­lich hat­ten wir drei Fahr­rä­der mehr als bei der Hin­fahrt – und an dem perl­mutt-wei­ßen VW Bus (T2, ers­te Serie) mit West­fa­lia-Cam­ping-Aus­stat­tung hing schon ein voll­ge­stopf­ter Anhän­ger! Letzt­lich pass­ten die Räder aber irgend­wie noch mit hin­ein und kamen auch sicher zu Hau­se an. Das Geld brach­te ich mei­nem Onkel dann per­sön­lich vor­bei. Auf mei­nem neu­en Ata­la Hop!

Wir fuh­ren damals immer quer­feld­ein durch die Aue in Kas­sel und waren auf den Aben­teu­er­spiel­plät­zen die Attrak­ti­on unter den ande­ren Kids – jeder BMX-Fah­rer woll­te mal eine Run­de mit den Ata­las dre­hen. Neid­los muss ich aner­ken­nen, dass die Jungs der unge­fe­der­ten Frak­ti­on eini­ge läs­si­ge Tricks mit mei­nem Rad hin­leg­ten, die mir nie gelangen.


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Aben­teu­er­spiel­platz in der Fuldaaue

Heu­te hat jedes Fahr­rad dicke Rei­fen, eine Fede­rung oder sogar Schei­ben­brem­sen. Aber damals war das ein abso­lut unge­wöhn­lich. In Deutsch­land gab es ver­gleich­ba­re Räder nicht. Offen­sicht­lich wur­den auch die Ata­la Hop nicht impor­tiert – weder offi­zi­ell noch inof­fi­zi­ell. Es war also immer span­nend mit die­sem Rad unter­wegs zu sein.

Ein­mal war ich län­ger beim Kie­fer­or­tho­pä­den, die fes­te Klam­mer muss­te man wie­der getunt wer­den, da ver­sag­te mir bei der Rück­kehr zu mei­nem Rad das Deo: Das rote Ata­la war ver­schwun­den! Gut, ein Zah­len­schloss mag nicht die adäqua­tes­te Siche­rung für so ein Rad sein, aber eigent­lich ist das doch durch die Sel­ten­heit gesi­chert. Die Mona Lisa klaut ja schliess­lich auch nie­mand, oder wie? Mit pochen­dem Her­zen such­te ich die Umge­bung ab und da fuhr mein Rad die Trep­pen­stras­se hoch und run­ter! Ohne mich! Mein ener­gisch her­vor­ge­brach­tes „Äähhhh?“ ver­an­lass­te die Jungs aber, mir mein Rad zurück­zu­ge­ben. Sie ent­schul­dig­ten sich für das Aus­lei­hen – die Ver­su­chung wäre ein­fach zu groß gewesen.

Spä­ter brach dann eine der unte­ren Feder­bein­auf­nah­men an der Schwin­ge ein­fach ab, aber eine freund­li­che Auto­werk­statt schweiss­te sie mir wie­der kos­ten­los dran. Auch die fan­den das Rad nur lie­bens­wür­dig-schräg. Irgend­wann war ich dann tat­säch­lich zu groß und zu schwer für das Rad: Die Knie sties­sen beim Fah­ren schon gegen die Ell­bo­gen. Für die Fahrt in die Schu­le muss­te dann ein schnö­des aber prak­ti­sche­res Renn­rad her. Mei­nem Bru­der ging es ähn­lich und blie­ben unse­re bei­den coo­len Gefähr­te immer öfter im Kel­ler. Eines Tages waren bei­de Ata­la Hops aus dem abge­schlos­se­nen Kel­ler ver­schwun­den. Ein­zig mein Cou­sin, bzw. jetzt mein Onkel, hat noch sein Rad. Lei­der ist das total abge­rockt – es feh­len eigent­lich alle Anbau­tei­le. Scha­de. Aber egal, es ist lei­der ein­fach zu klein.

Mein Traum wäre es, wenn ich das Ata­la Hop in mei­ner Grö­ße neu bau­en (las­sen) könn­te – viel­leicht mit 24“-Rädern? Ich fürch­te aber, dass ich das nicht gestemmt bekom­me. Naja, viel­leicht klappt es ja doch irgend­wann? Das wird dann aber defi­ni­tiv in gelb lackiert! 

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