Blauäugig losgefahren

Lesedauer 5 Minuten

So, ich habe nun meine erste größere Tour blauäugig mit dem FlieWaTüüt gefahren. E waren um die 80 Kilometer bis zum Campingplatz. Die Fahrt war ein reines Experiment für mich.

Navigation

Ging Überland. Auf Nebenstraßen. Teilweise ohne Mittelmarkierung. Niemand ist da schneller als 70 gefahren. Ich gestehe, dass ich hoffte, dass Maps mir die Ladestationen mit Schuko-Dose für Pedelecs und E-Bikes anzeigen würde, wenn ich die App auf die Navigation mit einem Fahrrad umstellen würde. Tja, kannste knicken. Google steht mit beiden Maps-Beinen fest im zwanzigsten Jahrhundert.

Im Vorfeld hatte ich wohlweislich in Eppertshausen, das auf halber Strecke liegt, eine Tankstelle angerufen, da ich keinerlei Informationen über E-Bike-Ladestationen im Netz finden konnte. Warum auch immer. Jedenfalls meinte der Tankwart, dass ich bei ihm nicht laden könnte, aber im Ort wäre eine Fahrrad-Ladestation an der Bürgerhalle.

Das Handy flog lose im Handschuhfach umher und plärrte seine Befehle trotzdem laut und verständlich durch die geschlossene Klappe. Leider vergaß ich vor Fahrtantritt die Navigation auf „Auto“ umzustellen, was ich schnell bemerkte, als es mich auf Feldwege umleiten wollte.

Unterwegs ging mein Handy aus, Akku leer. Keine Navigation mehr. Gut, Eppertshausen fand ich auch so. Auch die Halle war ausgeschildert.

Blauäugig!

Aber an der Halle keine Spur von E-Bike-Ladestationen. Nur eine für Typ 2 von der Entega. Die ist klein und bunt. Kann man durchaus für aus den Kaugummi-Automaten gezogen und als dort für Räder aufgestellt ansehen.

Noch ein wenig im Ort herumgeirrte und stumpf Leute gefragt. Sogar einen mit E-Bike. Keiner hat eine Ahnung.

Also zur angerufenen Tanke gefahren, den Tankwart am Kittel über die Kasse gezogen und ins Gesicht geschrien, ob er sie noch alle hat, mich mitten im Nichts stranden zu lassen.
Oder so ähnlich. 🙂

Notladung

Der Kerle hatte ein schlechtes Gewissen und schloss eine Schuko-Dose im Außenbereich auf. Den T bis an die Kante des Bordsteines gefahren, das Kabel gaaaaaaanz lang ausgezogen uuuuund…

Nur dreißig Zentimeter zu kurz! 🙁

Der Tankwart sucht eine Dreier-Dose, in der Zeit habe ich bauernschlau aber einfach dieses Plastik-Zieh-mich-nicht-zu-weit-raus-Seil etwas nach hinten geschoben, sodass ich auch ohne windige Dreier-Dose laden konnte. Merke: Wenigstens ein Zwei-Meter-Verlängerungskabel in den Twizy legen!

Dem Tankwart drückte ich vier Euro in die Hand. Einmal Vollladen kostet zu Hause rund zwei Euro. Passt schon. Billiger als mit dem Benziner ist es allemal!

Noch eine Überraschung!

In der Zwischenzeit zum Rewe gegangen, einkaufen. Gepäck hatte ich keines dabei, das lag bei Frau® im Auto, die im dieselbetriebenen Allrad-Monster und den Kindern vorgefahren war. Da ich auch die Seitenscheiben zu Hause liegen gelassen hatte, sollte man Dinge wie das Notebook im Rucksack zum Einkaufen besser mitnehmen.

Nach einer Dreiviertelstunde zurückgekommen und an der Tanke einen Lader für den Zigarettenanzünder gekauft. Teuer, ist klar, aber der soll für seine Hilfe doch auch Spaß haben. In den Twizy gesteckt… nichts. WTF? Der Vorbesitzer hatte so einen Mini-Heizlüfter auf das Armaturenbrett geklettet und die Zuleitung fest verlötet. Offensichtlich hat er dabei die Steckdose abgeklemmt. Warum? Warum nur? Da ist doch eine Sicherung drin, die die Leitungen vor Überlast schützt! Toll! Also keine weitere Navigation.

Kommunikationskatalysator Twizy

Der Akku war mittlerweile von 18 auf 55 Prozent geladen. Ich orderte noch einen Kaffee, ein Brötchen und ein Croissant. Hörte den Leuten zu, die sich nach Feierabend dort treffen. Waren so zwischen 45 und 55 Jahre, schätze ich mal. Als ich fertig war, stand der Akku bei 58 Prozent und ich schwätzte mit den Leuten.

Man muss ja vorsichtig sein, aber die Typen waren keine Querdenker, sondern endlich mal ganz normale Leute. Hatten den Twizy selbst mal durch den Ort gefahren und fragten mich alles Mögliche zu der Kiste. Dafür besitze ich den aber zu kurz.

Einer der dort Äppler und Bier tankenden Jungs fragte mich, als er mein Ziel „Karlstein“ hörte, ob ich auf den Campingplatz wolle. Er ist da mit seiner Wohndose auch öfter und besucht abseits seiner Campingausflüge dort einen Bekannten, der Dauercamper ist. Wir verabredeten uns ganz locker. Die Welt ist ein Dorf, oder?

Unsere eigene Wohndose steht dort unverändert seit drei Jahren. Damals war der TÜV, die sackteueren AAA-Bremsen und die Reifen ganz neu gemacht. Seitdem steht das Ding sich die Reifen eckig, denn wir fanden durch Haussanierung und Corona einfach keinen freien Zeitslot für eine Urlaubsfahrt.

Mittlerweile war die Batterie zu 80 Prozent gefüllt. Mehr als genug. Ich wollte los, blieb aber an einem der anderen Kollegen hängen, der später hinzukam und mich auch über den Twizy ausfragte. Er ist Techniker für Elektromotoren und hielt leicht angeheitert mir einen Vortrag über Motorentypen und die chinesische Mentalität. Letztere kenne ich selbst, da meine Ex bei einem bekannten Automobil-Ersatzteil-Großhändler im Import arbeitet und vorher für den taiwanischen Rollerhersteller SYM (Sanyang Motors) arbeitete und zur Qualitätskontrolle bereits nach China reisen musste. Gefühlt nennt sich jede zweite Firma in Asien San(g)y(a)ong. Die haben aber alle nichts miteinander zu tun.

Weiter! Weiter! Weiter!

Also ich mich loseisen konnte, war der Akku fast voll. Gut, nun konnte ich Gas… Strom geben. Die Jungs wollten sehen, dass ich richtig Strom gebe. Ich denke, dass sie im Feierabendverkehr voller Stinker nichts hören konnten, habe trotzdem alles gegeben. 😀

Ohne Navigation bin ich diesmal die schnellste Strecke gefahren: die autobahnähnliche B45. Schon auf der Auffahrt zog ein LKW nach links. Okay, der fuhr locker die üblichen 90 km/h. Die hängenden Bremsen waren mittlerweile so weit runtergeschliffen, dass der Twizy endlich auf der Geraden in den Begrenzer lief. Immerhin 85 km/h.

Ich kam so schnell voran, wie die Füllstandanzeige abnahm. Da die Batterie aber voll war, musste ich nicht auf eine sparsame Fahrweise achten. Trotzdem fuhr ich fast ohne zu Bremsen bis zum Platz. Man gewöhnt sich daran durch Rekuperation zu verzögern. Diesmal ging aber durch Seligenstadt über die Fähre, das spart exakt 14 Kilometer und kostete auch nur drei Euro.

Auch auf der Fähre kam ich mit Leuten ins Gespräch. War nicht anders zu erwarten.

Lange Ankunft

Auf dem Platz benötigte ich für 300 Meter über den Platz eine halbe Stunde. Nicht weil der Akku leer war oder die Geschwindigkeitsbegrenzung so niedrig war, sondern, Ihr ahnt es: Ich wurde festgelabert.

Der Twizy kommt augenscheinlich bei „älteren“ Männern hervorragend an. Ich kann es mir nicht erklären.

Abends noch die Kinder auf einer Privatstraße T fahren lassen. Vor allem der Sohn meiner Frau hat nur despektierliche Adjektive für mein Fliewatüüt übrig, ließ sich aber von der Begeisterung seines Kumpels anstecken. Dieser Kumpel will nun seine Mutter belabern, dass er ab 14,5 Jahren den Führerschein für einen Twizy 45 machen darf.

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Friseur, Gas einkaufen!

Am nächsten Morgen noch schnell ein paar Prozent auf den Akku geladen. Allerdings über eine CEE-Schuko-Außensteckdose, die den Wohnwagen versorgt und ein Verlängerungskabel. Passt, nichts wird warm.

Mit 30 km Restreichweite eine Tour von 28 Kilometern in Angriff genommen. Esel, Eis und so…

Zum Friseur in Seligenstadt gefahren. Die Parkplatzsuche in der Stadt gestaltet sich schon geschmeidig mit einem Twizy. Einmal musste ich sogar in den schmalen Gassen von Seligenstadt den Geräuschgenerator für zwei ältere Damen einschalten. Ich grüßte, sie grüßten, alle zufrieden und entspannt.
Danach eine 11, sowie eine 5 kg Gasflasche beim „Sattler“ geholt. Die fünf Kilo passen zwischen Sitz und Tür. Ob irgendwann die Scheibe herausfallen könnte? Tat sie diesmal nicht.

Autobahn!

Auch zurück bin ich ein Stück auf der A45 gefahren. Das war kein Ding, da auf dem Abschnitt sowieso eine Baustelle ist. Allerdings auch eine Auffahrt ohne Beschleunigungsstreifen. Hat aber gut funktioniert.

Zurück mit den letzten kWh. Restreichweite sechs Kilometer, als ich ankam. Das ließ mich aber komplett entspannt. Am Tag zuvor stressten mich noch 18 % Restreichweite vollkommen.

Twizys Rache

Alles gut? Weit gefehlt!

Männer fahren ohne Seitenscheibe! Männer unterkühlen sich! Männer bekommen die Scheißerei! Dann ist ein Mann ein Mann!
Eigentlich wollten wir zusammen abreisen, aber durch Twizys Rache verlängerte ich unfreiwillig meinen Aufenthalt auf dem Platz um weitere drei Tage. Erst dann fühlte ich mich wieder in der Lage ohne „Unfälle“ die Strecke bewältigen zu können.

Währenddessen bestellte ich noch einen Typ2-Schuko-Adapter bei Evalbo.de. Kurze Mail an den Betreiber des Shops und gefragt, ob die Lieferzeit wirklich 5 bis 8 Tage wären. Er könne morgen früh via DHL diesen Adapter schicken. Passt. Solange will / kann ich noch hierbleiben.
DHL liefert doch immer pünktlich. Ja, klar. Nur diesmal nicht. Folgenden Status sah ich zwei Tage lang: „Sendung wurde bei Absender abgeholt.“. Danke, DHL.

Mal sehen, welche Ladesäulen auf dem Rückweg liegen und wie ich diese freischalten, bzw. bezahlen kann. Primär suche ich aber einen Aldi-Markt auf der Strecke.

Das schildere ich dann aber in Teil 2.

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