Warum ich politikverdrossen bin

Lesedauer 9 Minuten

Früher™ hatte ich eine politische Meinung, die von den Parteien tatsächlich gespiegelt wurde. Es mag sein, dass sich meine Einstellung änderte, das möchte ich nicht abstreiten. Eher glaube ich aber, dass ich schlicht zu viel von parteiinternen Querelen und Auseinandersetzungen mitbekomme, als meiner Zuneigung zu der einen oder anderen Partei zuträglich ist.

Geschichte wiederholt sich nicht

Nehmen wir mal zum Vergleich die Piraten und die Grünen: Hätten die Politiker der Grünen in den 1980ern Jahren bereits über Twitter verfügt, so hätten die sich – wie die Piraten Ende der 2.000er – selbst hinausgekegelt. Ich entsinne mich noch – ich durfte 1987 zum ersten Mal wählen – und dachte, dass ich doch die Grünen wählen könnte, die haben mit dem Umweltschutz schließlich ein nachvollziehbares Anliegen. Der saure Regen war seinerzeit eines der Top-Themen. Aus meinem Vorhaben wurde aber leider nichts, da ich in einer Nachrichtensendung einen Herren mit verfilzten, schulterlangem Haar und einem Fusselbart sah, der (augenscheinlich in Jute gehüllt) auf einem Tisch saß und im schleppenden Tonfall lamentierte: „Aber…. der Joschka hat gesagt, dass…“. Oh! Mein! Gott! Ich schaltete direkt um und wählte eine andere Partei.

Ja, natürlich könnte man jetzt sagen, dass die Ausstrahlung dieses seltsamen Herren so kurz vor der Wahl mit Kalkül stattfand. Mich würde es nicht wunderen, hätte ich seinerzeit „heute“ auf dem ZDF geschaut. Das ZDF ist traditionell ein eher dem konservativen Lager zugewandter Sender.

Auf der anderen Seite sind die Parteien aber genauso bunt aufgestellt wie die Bevölkerung und bekanntlich hat jede Partei eben ihre verschieden ausgerichteten Flügel. Warum sollte also ein Sender auf so plakative Bilder wie den juterauchenden Tischsitzer verzichten? Der bildet eben auch einen Aspekt der Partei ab.

Ein digitaler Lichtblick

Die nächste neue Partei, die mein Wohlwollen hatte, waren die Piraten. Als ITler stand das aber auch zu erwarten. Grandios gestartet und ebenso grandios gescheitert. Wobei es durchaus verschiedene Meinungen zu den Gründen des Scheiterns gibt. Die einen meinen, dass die Wähler verschreckt wurden, weil sie direkte Demokratie vorlebten und sich damit selbst handlungsunfähig machten, die anderen sehen dies als Stärke an und glauben, dass bei denen das „Marketing“ versagt hätte und die Partei sich durch unkontrollierte Twitter-Beiträge unwählbar gemacht hätte. Ich persönlich war davon abgeschreckt, dass die Piraten von rechtsradikalen Politikern unterwandert wurden.

rm -f Bedenken

Dann gab es noch die FDP. Zu Genschers Zeiten noch eine respektable Partei, mutierte sie unter Westerwelle zur Spaßpartei, wandelte unter Rösler zum Selbstbedienungsladen der Lobbyisten und unter Lindner zur … na ja … zur Lindner-Partei. Über deren Plakate im Modelstyle – mit iPod-Kopfhörern im Ohr und dem iPhone vor der Nase – lachte selbst meine 16-Jahre alte Tochter. Über deren Slogan „Digital first, Bedenken second!“ konnte sie nur traurig den Kopf schütteln.

Die FDP war eigentlich bereits früh eine Partei des Datenschutzes. „Digital first, Bedenken second!“ ist hingegen eine bedauerliche Kehrtwende bei den bürgerlichen Rechten. Ja, die FDP-Anhänger werden nun aufschreien: „So war das nicht gemeint! Datenschutz steht in unserem Parteiprogramm!“. Warum druckt man dann aber solche Plakate? Glaubt die FDP, dass die Wähler so vergesslich sind? Glauben die wirklich, dass die Leute nach der Abstrafung der FDP bei der Bundestagswahl 2013 der Partei wieder vertrauen würden? Ja, die FDP glaub das – und zwar leider vollkommen zu Recht.

Jetzt kann man an den Menschen verzweifeln und ihnen ein kurzes Gedächtnis unterstellen. Persönlich glaube ich aber, dass die FDP, ebenso wie die AfD, sehr viel Stimmen von Protestwählern bekommen hat. Lindner profilierte sich, auf Neuwahlen hoffend, folglich auch in den Jamaika-Verhandlungen als „kompromissloser Macher mit starken Grundsätzen“. Sofern man ihm dies glauben mag.

Geschichte wiederholt sich doch

Über die AfD muss ich wohl kaum noch ein Wort verlieren. Politisch fischen sie sowohl bei den vermeintlich, wie auch tatsächlich abgehängten Menschen unserer Gesellschaft. Nach bewährtem Rezept aus der Weimarer Republik: „Wir hier, die dort.“

Vor einigen Jahren nahm ich ein Interview mit meiner Großmutter auf Video auf. Ich ließ sie erzählen. Von ihrer frühen Kindheit in der Nähe von Marienwerder (Westpreußen). Von dem Umzug der Familie nach Kassel. Von der Lehre im Kaufhaus Tietz (Kaufhof) – und von der Machtergreifung der Nazis. „Mein Vater war arbeitslos. Als der Hitler kam, hatte er auf einmal wieder Arbeit.“, sie zuckte dazu nur die Schultern.

Sie erzählte aber auch von dem Verschwinden jüdischer Arbeitskollegen und der Familie Nussbaum, mit deren Enkeln sie als Kind gespielt hatte. Sie erzählte vom Feuersturm, der die Stadt verwüstete und von der Suche nach ihren Eltern in den Trümmern. Vom Verlust ihres Mannes in Frankreich. Von der Kriegsgefangenschaft ihres Vaters, der in gleich zwei Weltkriegen kämpfte, aber immer unpolitisch geblieben war (oder gerade deshalb?). Sie erzählte auch davon, dass ihr Vater von der SA zusammengeschlagen wurde, weil er einen SA-Trupp auf der anderen Straßenseite nicht mit erhobener Hand grüßte.

Trotz all der Erfahrungen hatte sie im Interview zur Wahl der Nazis nur zu sagen, dass ihr Vater wieder Arbeit fand. Es ist leicht, rückblickend in einer demokratischen Wohlstandgesellschaft lebend, meine Großmutter zu verurteilen, von ihr mehr politisches Statement zu verlangen. Es ist ebenso leicht von den Wählern der AfD ein Bekenntnis zu unseren demokratischen Grundwerten zu verlangen, wenn man selbst nicht Hartz 4 oder eine schmale Rente bezieht. Wenn man selbst nicht in den strukturschwachen und bevölkerungsarmen Gegenden Deutschlands lebt (in die sich so gut wie nie ein Nicht-Einheimischer verirrt – und vor dem doch alle irgendwie Angst haben). Der Rest der AfD-Wähler weiß hingegen sehr genau, was sie da tun. Völlig unabhängig vom unterstellten Bildungsgrad und Intelligenzquotienten.

Ja, ich bin abgeschweift. Was ich damit aber sagen will ist: Jedes Land in Europa hat ein rechtes Lager, warum nicht auch wir?  So hat man diese Leute wenigstens gut im Auge. Die (ehemaligen) großen Volksparteien sollten sich aber hüten, die AfD aufzuwerten, indem sie deren Themen übernehmen.

Die große Enttäuschung

Und diese großen Volksparteien? Was machen die? Die eine merkelt seit Jahrzehnten so vor sich hin, hat aus dem Scheitern von „uns Birne“ nichts gelernt. Sie positioniert sich bei Digitalthemen so, als wären die frühen 1980er-Jahre nicht vergangen. Und wenn die Kanzlerin mal etwas sagt, das in die Zeit passt, könnte man nur noch schreien. „Datenschutz darf Big Data nicht aufhalten!“, bedeutet doch nur, dass sie einen ungezügelten Kapitalismus ohne Kontrolle und Bürgerrechte haben will. Indiskutabel.

Der Ableger der Partei – aus einem Bundesland, welches über Jahrzehnte durch den Länderfinanzausgleich vom Agrarland zu einem halbwegs modernen Bundesland aufgepäppelt wurde und nun den Länderfinanzausgleich kippen will, weil sie zu Abwechslung mal selbst zahlen müssen – ist an Bigotterie kaum zu überbieten. Ja, das ist vielleicht der CSU gegenüber unfair und tendenziell, aber die sind mir nur als Querulanten, Ewiggestrige, „Ausländermaut“-Fordernde, Glyphosat-Betrüger und Ehebrecher bekannt. CSU-Politiker stolpern von einer Pleite – und von einem Fettnapf in den nächsten.

Die alte Tante

Der Schulz wäre tatsächlich mal eine Alternative zur Merkel gewesen. Aber okay, auch Ronald McDonald oder Alfred E. Neumann wären Spitzenalternativen gewesen, die haben aber alle schon einen richtigen Job. Wo ich gerade von anstrengenden Personen rede: Nahles und TSG mögen etwas jünger als Schulz sein, aber sie haben (wie CDU/CSU) keine Antworten auf die kommenden Herausforderungen unserer Zeit.

Vor „Schuuuulz“ gab es die netten Stein-Dingens-Onkels, die man äußerlich (wie auch inhaltlich) nicht so recht auseinanderhalten konnte. Und wiederum davor? Scharping. Autsch. Gegen den wirkt selbst die Merkel geradezu charismatisch. Ich werde das Gefühl nicht los, dass alle Kanzlerkandidaten der SPD nach Schröder von der gleichen schlechten Marketingagentur betreut wurden. Marketing sechs, setzen, SPD!

Mir fällt einfach nicht mehr zur SPD ein.
Außer Erinnerungen.
Mein verstorbener Stiefvater, ein bekannter Anwalt aus Kassel, trat nach Jahrzehnten enttäuscht aus der SPD aus, nachdem ihm Gerhard Schröder die Partei entfremdet hatte. Seit seinen Tagen als Student war er Mitglied der SPD gewesen und arbeitete als junger Anwalt in der Kanzlei von Elisabeth Selbert. Wer mag ihm also den Austritt verdenken?

Durch meinen Onkel, den von mir sogenannten „Roten Hans“, einem alten Parteifreund vom Hans Eichel und Holger Börner, wurde ich als Kind Mitglied bei den „Falken“, eine Art Pfadfinder der SPD. Wir saßen um das Lagerfeuer, die Gitarre wurde geschreddert und wir intonierten alte Arbeiterkampflieder. „Die Internationale“, „Die Moorsoldaten“, „Auf, auf zum Kampf!“, usw., usf. Ich hasste es! Die Falken reduzieren ihre politische Botschaft auf einen anstrengenden, altmodischen Antifaschismus und das Rufen von „Freundschaft!“. *seufz*

Auf einem IT-Lehrgang sang ich mal zusammen mit einem überzeugten FDPler „Die Internationale“. Als wir endlich fertig waren, drehte sich der Kollege vor uns um und meinte nur völlig trocken: „Ihr zwei habt doch echt ne Macke.“. Wir grinsten ihn nur fröhlich an.

Die neue SPD

Die neue SPD sind Die LINKEN (sorry, SPD). Die SPD hat alle sozialen Themen den Linken überlassen. Seit Schröder ist das ja nicht mehr sooo angesagt. Die SPD kümmert sich nun lieber um den breiten schwindenden Mittelstand, Europa, Rentner, die großen Konzerne, Rentner, Europa, Europa und Rentner. Die Linke hat(te) tatsächlich ein paar Politiker mit Profil und Charisma. Von der Eloquenz eines Gysi können andere Politiker nur träumen. Die Linken erwecken aber sonst nicht den Eindruck, dass sie regieren wollen – oder gar können.

Die Partei

Stichwort „die Partei“! (Der Übergang ist mir gelungen, was?) Für mich die Partei, die man wählen sollte, wenn man Protestwähler ist. Teilweise wirklich gute Aktionen, die den Parteienzirkus gekonnt auf die Schippe nehmen.

Die anderen

Ach ja, da kann ich meinen Stimmzettel ja gleich verbrennen. Nicht mal als Proteststimme zu gebrauchen. Die haben meistens nur irgendein „Specialinterest“ als Kernthema. Einzig „Demokratie in Bewegung“ scheint da ganz interessant zu sein. Aber warum sollte ich die wählen? Damit ich meine Stimme mal in der Zeitung sehen kann? Bei den aufgeschlüsselten Wahlergebnissen meines Wahlbezirkes? Ist mir schon so mit den Piraten gegangen, muss ich nicht wiederholen.

Bundes- vs Kommunalpolitik

Was ganz besonders weh tut, sind die Auftritte der Kommunalpolitiker. Nein, es sind nicht nur die Webauftritte, die Plakate mit den peinlich-schmalzigen Jung- und Altpolitikerportraits, auch nicht die sinn- und inhaltsleeren Wahlkampfslogans. Es tut echt weh, wenn man sich mit diesen Leuten unterhält und deren Aussagen mit denen der Bundespolitiker der gleichen Partei vergleicht.

Ich komme super mit den Leuten der FDP aus. Kommunal versteht sich. Ich kann mit denen wirklich konstruktive Gespräche führen, wir haben die gleichen Ansichten bei Digitalthemen und bei der Infrastruktur.

Spreche ich mit den Leuten der CDU, so sage ich denen, dass sie in der falschen Partei sind, denn sie würden die Themen vertreten, die traditionell die SPD vertrat. Das ist denen tatsächlich bewusst und auch irgendwie unangenehm.

Die Leute der SPD…? Es ist ein Drama! Die Webauftritte sind bestenfalls drittklassig, die Kontaktpersonen um die 70 Jahre alt, der Nachwuchs uncharismatisch und die Werbemittel stammen aus den 1970er-Jahren. Elektronische Korrespondenz kennen die meistens gar nicht. Die Basis ist überaltert und auch sonst wortwörtlich von gestern.

Gar keinen Kontakt hatte ich bisher mit den Grünen. Tatsächlich. Die müssen sich virtuell irgendwo rumtreiben, wo ich mich nicht rumtreibe.

Mehr direkte Demokratie?

Ich bin tatsächlich jemand, der glaubt, dass die Bundesrepublik Deutschland ein hervorragendes politisches System besitzt, dass genauso demokratisch ist, wie es sein sollte. Ich habe Angst vor der „Schwarmintelligenz“ der Wähler, das gebe ich zu. Warum? Weil ich selbst mehrere Male aus dem Bauch heraus eine Meinung hatte, die ich nach einer weiteren Recherche zu dem betreffenden Thema um 180 Grad drehte. In Zeiten der „gefühlten Wahrheiten“ habe ich wirklich Angst vor meinen Mitbürgern.

Allerdings gebe ich zu, dass mir der Einfluss der Wirtschaft auf die Politik absolut nicht recht ist und ich überzeugt bin, dass Abgeordnete haarklein auflisten müssen, von wem sie Gelder, Sach- und Dienstleistungen annehmen, für wen sie unentgeltlich tätig sind und mit welchen „Beratern“ sie Kontakt haben. Ähnliche Forderungen stellt Abgeordnetenwatch.

Und nun?

Ich weiß es nicht. Ich habe auch langsam keinerlei Ahnung mehr, wen ich wählen sollte. Dass ich wählen gehe, allein um den Protestwählern eine Stimme entgegenzusetzen, das steht für mich aber außer Frage. Wählen ist für mich die erste Bürgerpflicht.

Nachtrag 24.01.2018:

Ich bin heute tatsächlich Mitglied in der SPD geworden. Ich möchte auf jeden Fall verhindern, dass die SPD in eine GroKo geht und so Steigbügelhalter der CDU/CSU wird. Merkel hat ihren politischen Zenit bereits vor Jahren überschritten. Den Parteien muss klar werden, dass sie so nicht weiter machen können. Sie benötigen eine Erneuerung und Verjüngung. Nein, damit meine ich nicht, dass Leute U50 mal ran sollten, sondern eher Leute U30 eine Chance bekommen sollten. Schulz hat zudem sein Wort an die Wähler gebrochen, denn er schloss vor den Wahlen eine GroKo noch aus. Auf keinen Fall möchte ich, dass die AfD in Deutschland Oppositionsführer wird, das wäre das falsche Zeichen für Europa.

Noch ein Nachtrag (19.05.2021):

Nachdem die Mitgliederabstimmung mit dem Ergebnis für den Verbleib in der GroKo geendet hatte, trat ich wieder aus der SPD aus. Eine Entscheidung, die sich mit der Aufstellung von Olaf Scholz als Kanzlerkandidat für mich als korrekt herausstellte. Der Laden ist komplett überaltert. Unsere Gesellschaft aber ebenfalls. „Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht“.

Und die CDU derweil? Lasch, lascher, Laschet. Oder als Alternative so weiße, verbitterte alte Männer wie März, deren neoliberalen Träume Deutschland ruinieren und zu einem Selbstbedienungslader der globalisierten Wirtschaft machen würden.

Die Partei scheint mit Sonneborns Schwachfug am untersten Punkt angelangt zu sein.

Zu allem Überfluss haben sogar die Aluhut-tragenden Querdenker eine eigene Quatsch-Partei gegründet, die seifenblasenpustende Basis, in die einige Schauspieler (die nicht so intelligent oder integer sind, wie die Rollen, die sie darstellen) wohl bereits eingetreten sind.

Die Grünen sind erstarkt, ich frage mich nur, was deren genaue Ziele sind, und wie sie diese umzusetzen gedenken.

Die Lindner-Partei dreht sich vor allem um Lindner, der sich mutmaßlich auch mit der AfD ins Bett legen würde. Meine Güte, was vermisse ich echtes politisches Urgestein wie den Genscher.

Die AfD mit dem Penis-Logo wird immer rechter und unbedeutender. Scheinbar bekommen nun auch die Rentner und Abgehängten mit, dass diese nationalneoliberale Partei sie als Belastung für den Volkskörper ansieht und sie nichts mehr zu lachen hätten, würde diese Partei in der Lage sein, Gesetze verabschieden zu lassen.

Irgendwen vergessen? Ach ja, Die Linke! Was soll man da sagen? Kann man die wählen, nur weil sie gegen die AfD sind? Nein! Gleiches gilt im Umkehrschluss.

Die Ränder sind wie immer unwählbar und die Mitte korrupt und überaltert. Aber wählen muss man ja gehen, wenn man diese Ränder nicht erstarken lassen will. Die einzige Partei, die einen erkennbaren Plan für Deutschlands Zukunft hat, sind wohl leider die Grünen. Spiegelt sich auch in den Umfrageergebnissen wider.

 

8 Gedanken zu „Warum ich politikverdrossen bin“

  1. Da steckt viel Wahres drin. Und dann passieren noch so nette Dinge wie mit Elke Twesten (über Liste gewählt, zur CDU gewechselt und damit die hauchdünne Mehrheit im Landtag zunichte gemacht) oder Carola Reimann – in den Bundestag direkt gewãhlt, wenige Wochen später aber lieber Landesministerin geworden -, was einem als Wähler immer wieder vor Augen führt – oder führen kann – wie wertvoll doch der Wähler ist, wenn einer erstmal gewãhlt ist. Dass die Leute dann keinen Bock mehr auf Wahl und Politiker haben, kann ich inzwischen wirklich verstehen. Ich wähle trotzdem noch, aber mir fällt es ähnlich schwer wie Dir, was Wählbares zu finden.

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  2. Lieber Hessi,

    Dein wirklich fein geschriebener 2017er-Artikel hat leider an Aktualität nichts eingebüßt.

    Auch ich bin nach wie vor Fan der Demokratie, weil das die das Individuum am wenigsten einschränkende Gesellschaftsform ist.

    Mittlerweile aber habe ich das Gefühl, das die eigentlichen Grundwerte der Demokratie nur noch zum Pseudo-Fahnenschwingen taugen, darunter aber wird von allen Seiten quergeschossen und ausgehöhlt wo es nur geht …

    Dazu fällt mir grad ein bemerkenswerter Satz von Dieter Hildebrandt ein, den er vor ca. 20 Jahren im legendären „Scheibenwischer“ brachte:
    „Ich wundere mich tatsächlich am meisten darüber, daß sich die Konzerne überhaupt noch Staaten leisten …“

    Nun, heute wissen wir – bzw. könnten wir wissen – warum das so ist.
    Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren.
    Und darüber steht die unangefochtene Nr.1 der Dogmen:
    „Wachstum“ über alles.
    Dem hat sich gefälligst alles und jede/r unterzuordnen.
    Und natürlich auch die Demokratie!

    Dazu kommt dann noch die stetige Beschleunigung und schiere Flut an Informationen, die tagtäglich auf uns alle einprasseln.
    Drei Leute, 10 Meinungen, alle 5 Minuten abgeänderte „Updates“ …
    Wer soll sich da noch auskennen?
    Wer soll da noch WIRKLICH sinnvolle Entscheidungen treffen?

    Der Politiker-Kaste geht es längst nicht mehr um sinnvolle Entscheidungen.
    Dort hat man eh längst jede Form von echter Bodenhaftung verloren.
    Dazu kommt dann noch die „Partei-Räson“ und das ständige Gelaber von wegen „Geschlossenheit“, damit man das Stimmvieh mit echten Diskussionen bloß nicht noch mehr verwirrt, als es das ohnehin schon ist.
    (Neue Impulse und/oder Lösungsansätze kommen da bestenfalls noch von den Splitterparteien …)

    So ist es also kein Wunder, daß immer mehr Wahlberechtigte ihrer Bürgerpflicht nicht mehr nachkommen. Weil für sie die etablierten Parteien – also die mit gesunder Chance auf Überwindung der 5%-Hürde – schlicht nicht mehr wählbar sind. Und die Insel-Parteien, wie Du ja auch in Deinem Artikel sagst, eh keine Chance haben, um in den Bundestag zu gelangen.

    Die „Partei der Nichtwähler“ ist mittlerweile die größte „Volks-Partei“.
    Ich finde, die müßte bei der Aufteilung der Sitze im Bundestag unbedingt berücksichtigt werden, wenn man denn von einer echten Demokratie sprechen möchte.
    Weil sich vor allem in dieser „Partei“ auch sehr viele Leute befinden, die sich wirklich Gedanken um eine sinnvolle Zukunft machen. Und gerade deshalb ihre Wahlstimme lieber für sich behalten, als sie an irgendeinen rückgratlosen, fehlbesetzten, völlig überforderten und daher leicht korrumpierbaren Politikdarsteller abzugeben. (Ausnahmen bestätigen die Regel …)

    Dazu kommt dann noch, daß die heutigen Politikdarsteller – im Vergleich zu deren Urgesteinen a la Helmut Schmidt, Herbert Wehner, Franz-Josef Strauss, Hans-Dietrich Genscher, Willy Brandt, Ludwig Erhard und meinetwegen sogar Konrad Adenauer, beginnend mit der Kohl-Ära ab 1982 – nur mehr Fähnleins im Winde der Wirtschaft sind, ohne jedes echte, eigene Profil. Ohne den echten Willen etwas politisch zu gestalten oder gar voranzubringen, im Sinne einer echten Demokratie.

    Eine Basis-Demokratie nach Schweizer Vorbild könnte da noch eine Weile lang weiterhelfen. Aber meine Schweizer Kollegen sind mehrheitlich der Meinung, daß auch das in Sachen Demokratie-Zufriedenheit im Wesentlichen nichts ändert.

    Oder machen wir´s wie die Erfinder der Demokratie, wie die ollen Griechen?
    Dort war ein gewisser gesellschaftlicher Stand und Bildungsgrad Voraussetzung dafür, um an staatlichen Entscheidungen teilhaben zu können.

    Ich kann beiden Versionen mehr abgewinnen, als der bei uns in D-Land.
    Wenn a la Schweiz alle mitreden dürfen, wäre mehr breite Demokratie.
    Wenn a la Hellas nur die mitreden dürfen, die qua status tiefere Einblicke in´s Weltgeschehen haben, wäre mehr zielgerichtete Demokratie.

    Ich glaube trotzdem nicht, daß sich bei diesen alternativen Verfahrensweisen die Zahl der Unzufriedenen hierzulande sigifikant ändern würde.

    Und somit ist (längst nicht nur) der „deutsche Boden“ mal wieder bereit für einen neuen „Führer“, der dieses tatsächlich sinnlos gewordene Politik-Gefasel dieser Tage mittels einfachsten Worten konterkariert. Unsere niederen Instinkte wollen immer noch gebauchpinselt werden, Hauptsache es bleibt nicht so kompliziert, wie es heuer ist.

    Autsch!!!

    Ich sehe da nur einen einzigen Ausweg.
    Wir – als Spezies – müssen dringend und radikal unser Denken verändern.
    Was uns bis hierher gebracht hat, das taugt nicht mehr für eine lebenswerte und „menschliche“ Zukunft für alle, jedenfalls nicht im alten demokratischen Sinne.

    Ich glaube vielmehr, wir täten gut daran, unserem „Wissen“ baldmöglichst unser „Ge-Wissen“ als Kontrollinstanz voranzustellen.
    Jenseits unserer persönlichen Gewohnheiten und hart erarbeiteten Privilegien …

    Warum?

    Weil das Diesseits für 99,9% der Weltbevölkerung längst nicht mehr taugt. (Mal ganz abgesehen von Mutter Erde und Flora und Fauna …)

    Und das ist – auch im demokratischen Sinne – das eigentliche Verbrechen gegen uns selbst.

    Cheers 🙂

    Blue

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    • Hallo Blue, dass sich jemand noch diesen alten Artikel durchliest? Interessant. Und dann noch mehr dazu schreibt, als im Artikel steht? Ja, es ist in den letzten vier Jahren nicht besser geworden. Die Grünen sind in der Regierung und geben die Verkehrswende direkt auf. Wenn einige der nun als abgemacht geltende Gesetze wirklich kommen, wäre das mehr als man bisher so bei einem Regierungswechsel (die Bild tönte auf dem Titelblatt: „Machtübernahme!“). So oder so, die ehemaligen Volksparteien (und zum Glück auch die AfD) verlieren immer noch Stimmen. Offenbar ist keine mehr allein in der Lage, eine Regierung zu bilden. Wir bekommen hier ja bald italienische Verhältnisse.

      Vielleicht sollten wir statt Parteien und deren Wahlprogrammen, lieber Themen wählen. Jeder wählt sich seine Wunschregierung zusammen. Es gibt Fachpolitiker, die die Themen repräsentieren und die so indirekt gewählt werden. Natürlich werden auch diese immer einen Stallgeruch haben, denn Expertise fällt nicht vom Himmel.

      Wenn man den Wahl-o-Maten benutzt f#llt einem ja deutlich auf (oder nur mir?) dass am Ende zwar die Partei oben erscheint, die man wählen wollte, aber die Überschneidungen sind bei Weitem nicht so groß, wie man hoffte.

      Das Problem: Wählen würde nicht einfacher oder übersichtlicher werden, im Gegenteil. Korruption wäre immer noch ein Problem – und wir benötigen einen ganzen Haufen neue Spitzenpolitiker, denn die jetzigen sind fast allesamt Universalpolitiker. Wie soll auch der Wahlkampf aussehen? Gäbe es noch einen? Wie würde man den Kanzler wählen? Indirekt, durch die Fachpolitiker? Möglich.

      Vorteil: Solche Leute wie Scheuer, Klöckner, Spahn – „richtige“ Parteipolitiker – blieben uns wohl damit erspart. Wenn ich mir noch eines wünschen dürfte: Politiker müssten für ihre persönlichen Entscheidungen haftbar gemacht werden. Die drei vorgenannten wären dann so was von im Arsch. 😀

      Gruß
      m

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      • Aloha Hessi,

        universal betrachtet spielt Zeit keine Rolle, denn das Universum vergisst nichts … 😉

        Und wer wie und warum per Link hier bei Dir gelandet ist, auch egal. Weil „die Wege des ‚Herrn‘ – oder der ‚Matrix‘ – sind und bleiben unergründlich.“

        Eine eigene Meinung zu haben, vor allem unabhängig vom Mainstream, wird mehr und mehr vom selben Mainstream „hinterfragt“ werden.
        Wir werden gerade Zeugen davon, daß die „diabolischen Kräfte“ die Oberhand haben.
        Das ist zum einen schlicht notwendig im Sinne der Evolution, die seit Äonen immer zwischen den extremsten Polen stattfand, um sowas wie das eigene Gleichgewicht zu finden.
        Zum anderen wird es – aus denselben Gründen – auch wieder einen Rückschwung geben, hin zu humaneren Randbedingungen auf diesem Planeten.
        Die Frage ist dabei nur, wie lange das noch dauern wird/muß!?
        Ich fürchte, das Schlamassel hier dauert noch länger an, als daß wir zwei beiden – global betrachtet und in diesem Leben – noch den Wiederaufstieg der wahren Menschlichkeit werden mitbekommen können.
        Die Graswurzeln davon aber schon!
        Und laß uns auch nicht vergessen, daß wenigstens ein paar Prozent der nach uns Kommenden ein echtes Gespür dafür haben, was wirklich wichtig und liebevoll ist!
        Als alteingesessener Einwohner des aktuellen Planeten Erde ist das zwar verdammt schwer zu akzeptieren, aber auch nach uns wird es irgendwie weitergehen …
        Irgendwie herzzereissend, aber auch wahr …

        Was für mich alten Sack (55) bislang galt, mit dem kann unsere Jugend (zumindest fast) nix mehr anfangen, weil sich die Rahmenbedingungen zwischenzeitlich komplett geändert haben.
        Was aber – ebenso global betrachtet – auch schon immer mehr oder weniger so war.
        Echte generationenübergreifende Kommunikation findet diesplanetig einfach nicht statt.
        Im Gegenteil … dieser Tage maßt sich ein „Gesundheits-Minister“ Klabauterbach an, seine pharma-lobbyistisch gesteuerten Aussagen mit Immanuel Kant zu „hinterfüttern“!

        Dazu fallen mir grad zwei passende Zitate ein, die via Eloy Frank Bornemann zu mir durchdrangen:

        „Wenn die Sonne der Kultur tief steht, werfen selbst Zwerge Schatten …“

        und

        „Für mich zerrt´s, aber Sie sind ja der Künstler …“

        Na wie auch immer …
        Ich habe dieser Tage (und aufgrund mindestens der letzten 30 Jahre meiner Existenz) jedenfalls den Eindruck gewonnen, daß ich hier aktuell nimmer viel bewegen kann.
        Wird also wohl Zeit um´s Kümmern für ne coole Exit-Strategie, unabhängig von meinem schon lang gestellten Ausreiseantrag ans Universum:

        „Beam me up, Scotty. There´s no intelligent life on this planet …“

        Und nur um etwaige Mißverständnisse zu vermeiden … das ist englischer Galgenhumor!
        Ich hab vielleicht zuwenig Mut, um mich hier manifest zu behaupten …
        Aber auch viel zu viel andersgearteten Un-Mut, um mich feige in einen sinnlosen Selbstmord zu flüchten!

        High Five und ganz liebe Grüße 🙂

        Blue

        P.S. Ich freu mich über Deinen wachen Geist, darum hab ich Dir auch so gerne geantwortet.
        Ich für meinen Teil kann aufgrund eigener Erfahrungen hier nix mehr wirklich „ernst“ nehmen. Meine Relationen sind einfach anders … Hab zwischenzeitlich den Unterschied kennengelernt. Inmitten meiner zweiten Alteisen-Hartz4-Episode 2021 wurde ich von der altehrwürdigen englischen BBC per Brief zum „seniour engineer“ ernannt und konnte deswegen für 3 Monate Arbeit an deren Astra-PlayOut-Center nach London fliegen, ohne von den damals in UK geltenenden „Corona-Regeln“ auch nur behelligt zu werden. (Umso heftiger war die Security vor Ort, weil gleich nebenan Serverfarmen von Microsoft und Amazon standen …)
        Erinnert mich irgendwie an „Animal Farm“ von George Orwell:
        „Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher …!“

        Ich kann Dir also nur dazu raten, bleib bei DIR und laß Dich net korrumpieren!

        In diesem Sinne ein gutes und erfülltes Jahr 2022 :)!!!

        Liebe Grüsse

        Blue

        Antworten
        • Dir auch ein frohes Neues. Hoffen wir, dass es besser wird und Corona, die Schwurbler sowie der irre Russe zurückgedrängt werden. Man kann nur noch feststellen: Alle verrückt geblieben! 😉
          Aber sage bitte nicht „Mainstream“, das ist Schwurblersprache. Leider wurden die Worte „Querdenker“ und „Mainstream“ nun völlig anders verwendet als gedacht. Natürlich mit Kalkül, damit man am Ende am besten gar nichts mehr sagt.

          Antworten
  3. Danke, Hessi :)!

    in einem gebe ich Dir völlig recht, derzeit ist es echt schwer etwas von Belang zu sagen, ohne bestimmte „Schlüsselworte“ zu verwenden, die neuerdings eine etwas andere Bedeutung haben, als was ursprünglich wohl damit gemeint war … 😉

    Diesem Kanon würde ich auch gleich noch die Worte „Experte“, „Regierung“, „Märkte“, „Elite“, „Influencer“ und „Wachstum“ hinzufügen, um nur ein paar weitere zu nennen …

    Wobei den „Schwurbler-Schuh“, den ziehe ich mir gerne an. Weil ich einfach gelernt habe, daß ich – im Angesicht der irrwitzigen Vielfalt der Details im Zeitalter der „Informationen“ (fast) nichts weiß.

    Aber ich habe so etwas wie ein Ge-Wissen und auch ein Gespür für all die Ungerechtigkeiten, die der homo sapiens sich und seiner Mitwelt seit Äonen „angedeihen“ lässt.

    Und letztere sind nun einfach mal „Mainstream“, unsere Geschichtsbücher sind ja mehr als voll davon …

    Meine ganz persönliche und abweichlerische „Schwurbler-Ansicht“ hab ich vor ca. 18 Jahren mal als Song vertont, und bis heute gilt für mich:

    „Das Paradies ist im Leben VOR dem Tod zu finden“
    https://www.dropbox.com/s/t3p0h55qukvd02h/12%20Paradies.mp3?dl=0

    In diesem Sinne DANKE für den sehr netten Austausch hier mit Dir, Hessi!

    Liebe Grüße

    Blue

    Antworten
    • @Hessi:

      Eins noch zu dem Thema, das möglicherweise mehr sagt, als alle schnöden Worte.

      Musikalische Kooperation zwischen den US of A und meiner BRD-Unterstützung dabei …

      „The here and now is the only anywhere, I´ve (n)ever been …“
      https://www.dropbox.com/s/eix02gh4kaid6ii/Only%20Anywhere%20Mix%202_loud.mp3?dl=0

      Sorry für´s Kapern Deines Threads hier, aber andererseits glaube ich nach wie vor, inhaltlich voll daran anzuküpfen. Ohne irgendwen damit anzugreifen …

      LG 🙂

      Blue

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      • Kein Problem. Hört sich nach Fury an. Bei deren Texten habe ich aber im Detail auch Probleme sie zu verstehen. Ich gehe mal wohlwollend davon aus, dass Ihr nicht schwurbelt, verleugnet oder zum Umsturz aufruft.

        Zum Thema Politik: Was Scholz aktuell treibt, bzw. eben mit den Waffenlieferungen nicht treibt, gefällt mir nicht. Überhaupt erinnert das alles doch arg an die Politik von Chamberlain. Man hätte schon bei der Annektion der Krim Grenzen setzen sollen. Leute wie Putin verstehen nur die Sprache, die sie selbst sprechen.

        Der Merz aus einer anderen, längst vergangenen Realität, besticht dadurch, dass er Parolen aus den 1950er-Jahren pöbelt.

        Die Grünen werden wieder exakt nichts für die Umwelt umsetzen können, während sie Schwurbler sich auf die Gendersprache einschießen, von der niemand verlangt, dass sie von der Allgemeinheit übernommen werden soll.

        Neulich stand ich mit ein paar Antifa-Kiddies auf der Mahnwache in unserem Ort. Die Demo war einfach auf dem Rathausplatz angemeldet worden, also mussten wir die Abstands- und Maskenpflicht durchsetzen.

        Die Spaziergänger, die damit Probleme haben, konnten so ihren Treffpunkt nicht betreten. Lange, wirre Gespräche mit Leuten gehabt, die gestelzt und pseudowissenschaftlich „argumentierten“. Wir geimpft und geboosterten Schlafschafe werden in den nächsten Monaten alle sterben. Irrationalität, Verfolgungswahn und Verschwörungsmythen bestimmen bei diesen spaziergehenden Egozentrikern das Weltbild. Die haben Angst vor allem und jeden. Aber Nazis, Nazis gibt es dort nicht, ist klar. Die tragen ja keine Glatzen, Bomberjacken und Springerstiefel, also sind sie keine Nazis. Das reiht sich in deren unreflektierte, stark vereinfachte Weltsicht perfekt ein. Die Anderen (also nicht sie als Einzelperson, bzw. sie als Gruppe mit denselben Ängsten) sind schuld. Woran? Am Elend eine Maske tragen zu müssen. Und an der Impfpflicht! Die gibt es ja schon! Also … so gut wie! Ist nur ne Formsache! Die NWO hat die für uns beschlossen! Österreich! In Österreich lockern sie die Kontaktbeschränkungen! Da ist es toll. Ja, da ist alles toll! Und man denkt sich so: „Bist Du dumm, Mädchen? Österreich hat die Impfpflicht beschlossen, Deutschland nicht!“. Aber mit Fakten darf man denen nicht kommen, Fakten verwirren sie nur.

        Das Internet wird zensiert! Deutschland zensiert Facebook und YouTube! Alle Websites im Internet sind zensiert! Nur Google ist neutral! Kein Scheiss! Das musste ich mir anhören! Ich versuchte denen zu erklären, dass Facebook ein privates Unternehmen ist und dass ich dort in politischen Diskussionen mit Schwurblern auch schon für 24 Stunden gesperrt wurde, zuletzt weil ich deren Sprüche umdrehte und jemanden „violett-mittig-versichftes Wachschaf“ nannte. Da haben die große Augen gemacht, die Nichtrechten (die mich dauernd als Linken bezeichneten, was ist absolut nicht bin). Dass YouTube und Google eine Firma sind, konnte sie auch nicht glauben. Dass Google schon immer Suchtreffer nach deren Gutdünken und mit Gewinnoptimierungsabsicht sortiert, war für die auch komplett neu. Und woher sie die Informationen hätten, dass Websites zensiert werden? Na, aus dem Internet! Und warum diese Seiten dann nicht zensiert würden, die von Zensur schreiben? Ja, Logik ist ne komplizierte Sache!

        Aber Corona! Corona ist wie eine leichte Grippe! Und an der Grippe sterben jährlich auch viele Menschen, ohne dass es einen Lockdown gäbe! Nein, Corona ist nicht wie die Spanische Grippe (zwei lange vor ihrer Zeit gealterte Mädels lachten so falsch wie hysterisch), ich wäre doch dumm! Ja, damals hatten sie sofort nach Ausbruch der Spanischen Grippe Lockdowns eingeführt und die Intensivstationen waren überfüllt. Moment… es gab keinen Lockdown und keine Intensivstationen! Es gab nicht einmal im Ansatz eine vergleichbare medizinische Infrastruktur! Aber Corona ist nur ein Schnupfen, da waren sich die Schwurblerinnen ganz sicher!

        Dass ich selbst gegen eine Impfpflicht bin, verwirrte die vollkommen, hat sie aber nicht davon abgehalten, weiterhin mit mir darüber diskutieren zu wollen. So eine Art Beißreflex: Da steht einer mit einer Maske, der ist gegen mich, für die Impfpflicht und sowieso ein Schlafschaf (auch das hörte ich).

        Die Masse der Wachschafe wollte nicht diskutieren und schlurfte weiter. Mit Laternen in der Hand. Nur war das ein eher unheiliger Sankt-Martins-Umzug, denn es erinnerte doch eher an einen Fackelmarsch, denn ihm fehlte jedwede Schönheit. Diese Leute sehen sich in der Tradition der Montagsdemonstrationen in der DDR. Die setzen die Maskenpflicht in einem demokratischen Staat mit den Repressionen, der Willkür und der Überwachung in einer sozialistischen Diktatur gleich! Die sind merkbefreit und manchmal glaube ich, dass diesen Leuten echte Probleme mal ganz gut tun würden. Vielleicht sollten wir Putin doch bitten, in Europa einzumarschieren? Ob die dann aufwachen? Eher nicht. Putin ist ja ein Guter, der uns alle nur befreien will.

        Eine Dame wollte über den Rathausplatz und fragte mich, was wir denn für ein Kasperverein wären? Ich meinte: „Wer? Wir oder die da drüben? Wir halten eine Mahnwache gegen Rechts ab, die da drüben gehen spazieren.“ – „Spazieren? Ja, klar!“, sie schnaufte verächtlich und winkte ab. Das war der einzig normale Mensch, mit dem ich an diesem Abend sprach.

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