Nach Hause im E-Auto

Lesedauer 7 Minuten

Diesmal bin ich vorbereitet! Diesmal klappt die Fahrt mit dem E-Auto (Leichtelektromobil / LEM). Dachte ich zumindest!

Nach Teil 1 und Teil 2 geht es jetzt weiter.

Genesung

Wie ich im letzten Teil schrieb, erwischte mich Twizys Rache. Es wurde nicht besser, also rief ich in der Rathaus-Apotheke in Kahl am Main an und ließ mich beraten. Das sei vermutlich ein Virus. Durch die Masken und Abstände während der Corona-Pandemie wären unsere Immunsysteme nicht mehr auf zack, meinte die freundliche Mitarbeiterin. Kann gut sein. Ich war seit vier Jahren nicht mehr krank – und jetzt das! Entwürdigend!

Sie würden versuchen die Medikamente noch im Laufe des Vormittages zu liefern. Keine fünfzehn Minuten später klingelte das Handy: Sie würde nun losfahren. Keine fünf Minuten später überreichte sie mir mit einem Lächeln die Tüte und meinte „Das ist ja ein Notfall!“. Nun war es offiziell! Ich litt unter einer Männergrippe!

Wie dem auch sei, die Medikamente schlugen schnell an.
Packen, Müll wegbringen, duschen, Adapter am Empfang holen, fahren.
Auto lädt noch. Hat 4 % in zwei Tagen verloren.
Kälte?
Defekt?
Egal, denn sie ist ja gemietet, die Batterie.

Die Fähre

Auch auf dem Rückweg wollte ich über die Fähre in Seligenstadt fahren. Das spart wirklich fast 14 Kilometer. Insgesamt muss ich 50,4 Kilometer fahren. Zuzüglich des kleinen Umweges zur Ladestation von zwei Kilometern.

Wäre die Strecke zwischen Seligenstadt und Mainhausen nicht gesperrt gewesen, so müsste ich nur 48,8 Kilometer zurücklegen.

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Seligenstadt von Bayern aus gesehen.

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58 Kilometer Restreichweite! Das kann ich an einem Stück schaffen! Ich bin frohgemut!

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Auch auf der Fähre bin ich noch guter Dinge, aber bereits auf der Fahrt nach Babenhausen zeigt sich, dass ich in der Realität doch fast wieder Höchstgeschwindigkeit fahren muss.
Die hängenden Bremsen hören sich nicht nur nervig an, nein, sie reduzieren auch die Reichweite gewaltig, wie ich noch merken sollte.

Dieburg

Dieburg liegt genau auf der Hälfte der neuen Strecke. Von dort aus sind es noch 24,9 Kilometer nach Hause.

Die Restreichweite beträgt noch 26 Kilometer. Theoretisch könnte das klappen, wenn das Streckenprofil sich nicht ändern würde. Aber es wird beriger werden, was Batteriekapazität frisst.
Zudem möchte ich wirklich nicht ausprobieren, ob die Restanzeige stimmen könnte.

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Ein Kilometer als Reserve? Da fährt der Twizy doch sicher schon im Energiesparmodus und die Rentner auf den E-Bikes überholen mich laut schimpfend!

Verarscht!

Ich treffe an der Ladesäule ein, die in einer Baustelle auf einer Shell-Station versteckt ist.
WTF? Das ist der New Motion Lader? Wie konnte das passieren?

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Zu allem Überfluss hat dieses Ding auch nur Kabel, keine Buchsen.

Und wäre das alles nicht bereits genug, kommt auch noch der Tankwart winkend auf mich zu: „Die Säule ist defekt! Hier ist alles eine Bausstelle!

Schon auf langsamen Fahrt, auf der ich um den Block herum diese Säule suchte (Google war wenig präzise), bemerkte ich, dass es sich bei dieser Ecke Dieburgs nicht um die erste Adresse handeln konnte.
War das ein Hersteller für Sex-Spielzeuge und aufblasbare Gummipuppen? Und dort ein Porno-Kino neben dem Burger King?

Der Weg ist das Ziel

Ich entschied genug von Dieburg gesehen zu haben.
Google sollte einfach die nächsten Lader auf der Strecke anzeigen.

Da ich die Nase voll vom „Marken“-Ladern hatte, wählte ich in Roßdorf „Ladestation für Elektrofahrzeuge“ aus und machte mich auf den Weg.
15 Minuten Fahrt und 9,2 Kilometer lagen vor mir.

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Also bisher muss ich sagen, auch wenn der Twizy wirklich bretthart auf der Straße liegt und sich ein Gokart nicht für lange Strecken eignet, so kam mir die bisherigen fünfzig Minuten überhaupt nicht lang vor.

In der Zeit fahre ich mit einem Benziner oder dem Diesel die 85 Kilometer über die Autobahn und bin bereits fast zu Hause.
Meistens viel zu schnell unterwegs.
Meistens genervt von den ganzen anderen Deppen, die ihre Bremsen dauernd wieder ausprobieren müssen – oder kein Zuhause haben.

Die nächsten 9,2 Kilometer waren flugs rum.
So langsam gewöhnt man sich an die geringe Reichweite.
Der Stress, den ich darüber auf der ersten Fahrt noch verspürte, fehlt nun fast völlig.

Roßdorf sehen und laden

Aber auch in Roßdorf:
„Rechts abbiegen!“
Aber das ging nicht! Da war ein durchgehender Fußweg.
Dahinter lag aber das neue Discounter-Gebiet des Ortes.

Google ignoriert, zurück in den Kreisel und die erste Abfahrt raus, den anderen hinterher.
Da sah ich auch schon die Ladestation!

Endlich!
Ein Aldi-Süd!
Kostenlos!

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Kostet nix!

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Anleitung überfordert nicht.

Aber sagte nicht jemand im Twizy-Forum, dass man nicht mehr an Aldi-Süd-Ladern laden könne, weil die eine höhere Abnahme als die 2 kW des Twizy erwarten würden?
Ach, ich habe doch den neuen Adapter von Evalbo, der soll doch alles ganz automagisch machen. Ganz ohne den Stress der viel teureren Adapter mit deren zwei Schlüsseln, die man mal so und mal so drehen muss.

Ich stecke also den Twizy in den Adapter und dann in den Lader.

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Grün. Das bedeutet, der Anschluss ist frei.
Ob er laden wird?
Ich bin ganz entspannt.

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Blau! Er lädt! Ich wusste es!

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23 Prozent Restladung. Das wären noch 11 Kilometer Restreichweite.
Bis nach Hause sind es aber noch 18 Kilometer.

Einkaufen

Ich kaufe im Aldi ein.
Den Rucksack mit dem Notebook schnalle ich mit auf den Rücken. Ohne die Scheiben kann ich das Fliewatüt nicht abschliessen. Doof.‘

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Nicht schlecht, die Hütte. Da kommt der fast neue Aldi in Seeheim-Jugenheim nicht dran. Nicht einmal im Ansatz.
Mit meinen Einkäufen kehre ich zurück zum Twizy. Räume alles in Ruhe ein, bringe den Einkaufswagen weg, setze mich auf den Fahrersitz und suckele an so einem Milch-Fläschchen, dessen Inhalt gut für die Darmflora sein soll. Twizys Rache wurde zwar besser, aber sicher ist sicher.

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37 Prozent, 17 Kilometer
Nein, ich habe noch Zeit.

Zehn Minuten später zeigt die Anzeige 44 % und 20 Kilometer Reichweite an.
Kann man machen, muss man aber nicht. Ich beschließe noch bis 50 % oder noch 12 Minuten zu laden.

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Über den Messenger schreibe ich meinen Status mit Bildern nach Hause und zum Tom, der mir am Vortag das mit den Ladern erklärte und mit dem ich über E-Mobilität diskutierte. Der will mir dauernd einen E-Smart andrehen. Den soll ich leasen. Würde soviel kosten, wie die Batteriemiete beim Twizy.
Aber dann benötige ich eine Vollkasko und irgendwelche Leasingverträge und bei der Schufa habe ich dann so einen Vertrag an der Backe.
Ja, nein, ich will nicht.

Zu teuer!

Und siehe da, im Smart wäre mir das nicht passiert: Wieder sprach mich jemand auf das Auto an. Ein Boomer der eher wortkargen Art:
„Was kostet denn so ein Auto?“
„Wie? Neu?“
„Ja.“
„So zwischen acht und zehntausend Euro!“
Gesichtsentgleisung beim Gegenüber!
„Zu teuer!“ – er rennt panisch weg.
Nur seine Frau bleibt noch stehen, der ich mitgebe, dass das Twizy dafür nur 50 Euro Versicherung im Jahr kostet und ca. 1,5 Liter auf 100 Kilometer benötigt.

Aber ja: Ein Twizy ist kein billiges Fahrzeug.
Vor allem nicht für das Gebotene.

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Ich wähle die Route über Neutsch. Die ist kürzer und schöner.
Außerdem fahren da keine Nieder Beerbacher mit mir auf der gleichen Straße – das ist ein unbestreitbarer Sicherheitsvorteil. 🙂

Weiter geht es!

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51 Prozent Kapazität, 20 Kilometer Restreichweite.

Ich fahre los.

In Ober Ramstadt fahre ich nicht nach Mühltal, sondern auf der B426 nach Südosten, die deutliche Steigung hinauf.
Der Twizy kämpft gegen seine Bremsen und den Anstieg an. 60, 64, 68, 72…

Ein einziges Auto überholt mich. Obwohl unsere Richtung zweispurig ist, bleiben die anderen Autos weit entfernt im Rückspiegel zurück. Heute hat es kaum jemand eilig, wie es scheint.
Über die Kuppe geht es wieder hinab. Ich gehe vom Gas.
Die Anzeige zeigt mir, dass der Kleine rekuperiert, nur werde ich nicht langsamer.

Ich bin gezwungen zu bremsen, denn ich muss nun Richtung Modau.
Hört sich nicht gut an, die Bremsen sind fertig. Aber total!

Von Modau dort nach Neutsch und über die Feldwege nach Hause.

Knappe Sache?

Auf der Hauptstraße zu Hause fällt der Balken auf 10 %, piepst warnend und als ich unsere Auffahrt hochfahre stehen noch 4 Kilometer Restreichweite im Display.

Hat doch gepasst! 🙂

Im Sommer wird die Reichweite sicherlich höher sein. Die hängenden Bremsen werde ich diese Woche noch reinigen und erneuern.
Außerdem wollte ich unbedingt den Luftdruck überprüfen.

Bisher bin ich jedenfalls zufrieden. Die lange Strecke entspricht nicht meinem üblichen Fahrprofil. Ich fahre in den Ort und dann zurück. Zum Bahnhof Bickenbach oder zum Baumarkt in Pfungstadt.
Dafür ist der Kleine perfekt.

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