8‑Bit-Legen­de stirbt Freitot

Lese­dau­er 3 Minu­ten

Ich habe lan­ge über­legt, ob man von der Mel­dung berich­ten soll­te, dass sich der bekann­te Abmahn­an­walt Gün­ter Wer­ner Frei­herr von Gra­ven­reuth am 22.02.2010 das Leben genom­men hat. Letzt­lich war er aber jemand, der uns seit den Anfän­gen der hei­mi­schen Com­pu­te­ri­sie­rung beglei­tet hat­te. Wenn auch im nega­ti­ven Sin­ne: GvG gehör­te ein­fach dazu und egal was man über sein Geschäfts­ge­ba­ren den­ken mag: Mit ihm starb auch ein Stück der C64- und Amiga-Geschichte.

Im Alter von 61 Jah­ren erschoss sich der umstrit­te­ne Rechts­an­walt in den frü­hen Mor­gen­stun­den in sei­ner Münch­ner Woh­nung. Zuvor schick­te er per Mail „einen letz­ten Gruß in die Run­de”, in wel­chem er die Tat ankün­dig­te. Die von einem Emp­fän­ger infor­mier­te Poli­zei kam zu spät.

Egal was man über „Gün­ni” den­ken mag, so war er doch ein Cha­rak­ter unter den Abmah­nern. Man kann sagen, dass er die Abmahn­in­dus­trie grün­de­te, die nun so vie­le Tritt­brett­fah­rer hat, von denen aber kei­ner jemals die Bekannt­heit von „GvG” errei­chen wird. Schon früh stell­te er sich der Öffent­lich­keit und schien über­zeugt von dem, was er tat. Längst haben ihn ande­re – im nega­ti­ven Sin­ne – über­flü­gelt. Von denen stellt sich nie­mand im TV oder direkt in Foren den Fra­gen der Öffentlichkeit.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen über sei­nen mehr als nur umstrit­te­nen Wer­de­gang fin­det Ihr hier:

Mel­dung der Welt

Nach­ruf auf Gul​li​.com

Ein­trag in der „Enzy­klo­pä­die” Wikipedia

Gesam­mel­te Arti­kel über GvG in zeit­ge­nös­si­schen Fach­zeit­schrif­ten auf Poke​fin​der​.org

Dis­kus­si­on in der WDR-Sen­dung „High­score” von 1988: Teil 1 und Teil 2

Anmer­kun­gen:

Es mag auf einer Retro­com­pu­ting-Sei­te selt­sam deplat­ziert, viel­leicht sogar poli­tisch und gesell­schafts­kri­tisch wir­ken, trotz­dem gehört es mei­ner Mei­nung nach zu die­ser Mel­dung. Zu den gan­zen Dis­kus­sio­nen, die in den ver­schie­dens­ten Inter­net­fo­ren geführt wer­den, will ich nur fol­gen­des sagen:

Pie­tät:
Pie­tät hin oder her. Mei­nungs­frei­heit hin oder her, auch wenn sich der Mann nun wahr­lich kei­ne Freun­de gemacht hat, so sind Freu­den­be­kun­dun­gen über sein Able­ben völ­lig fehl am Platz. Kon­tro­ver­se Ansich­ten und Äus­se­run­gen sind sicher legi­tim, aber dann doch bit­te sach­lich und nicht auf unters­ten Niveau. Man las die übli­chen Roh­hei­ten wie „auf das Grab pis­sen” in Foren­bei­trä­gen auf Hei​se​.de, bevor sie zu Recht gelöscht wurden.

Kein Grund zur Freude:
Sein Geschäft lief zum Schluss nicht mehr gut. Vie­le sei­ner unrühm­li­chen Kol­le­gen sind bes­ser orga­ni­siert als er es war und ver­fü­gen über moder­ne­re Tech­nik. Die­se Rechts­ver­dre­her machen aber unver­min­dert wei­ter! Die freu­en sich sogar, dass sie einen Kon­kur­ren­ten weni­ger haben und strei­ten sich bereits um sei­ne Kun­den. Es ist also für unse­ren Rechts­staat und die Bür­ger nichts gewon­nen wor­den. Gün­ni war zuletzt nur noch ein klei­ner Fisch im Karpfenteich.

Gerech­tig­keit?
Als Grund für sei­ne Tat nann­te er durch­weg per­sön­li­che Grün­de, u.a. den Ver­lust von sozia­len Bin­dun­gen nach sei­ner rechts­kräf­ti­gen Ver­ur­tei­lung vor einem Jahr, deren Stra­fe er Ende des Monats antre­ten soll­te. Leicht zu sagen, dass er sel­ber dar­an Schuld gewe­sen hat, aber die­se Reak­ti­on ist in unse­rer Gesell­schaft nicht unüb­lich: Vie­le Men­schen muss­ten fest­stel­len, dass sich „Freun­de” bei einer Krank­heit oder dem Ver­lust des Arbeits­plat­zes abwen­den. Wer nicht mehr funk­tio­niert, der wird zurückgelassen.

Man­che sehen dar­in eine gerech­te Stra­fe für sei­ne Hand­lun­gen, die vie­len Men­schen Leid brach­ten. Natür­lich arbei­te­te GvG nach mora­li­schen Ansprü­chen nicht sau­ber. Letzt­lich wur­de er aber nicht wegen sei­ner „Tanja”-Briefe verurteilt.

Pha­ri­sä­er:
Eini­ge regen sich über einen Selbst­mord mit welt­frem­den Begrün­dun­gen auf (Ver­ant­wor­tung, „Sün­de”, weg­wer­fen, etc.), die nur zu deut­lich zei­gen, dass sie kei­ne Ahnung von dem The­men­ge­biet haben. Ver­mut­lich blö­ken die­se Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer sogar Roll­stuhl­fah­rer an, sie soll­ten gefäl­ligst auf­ste­hen und sich nicht so anstel­len. Psy­chi­sche Erkran­kun­gen sind viel­leicht „unsicht­bar” aber trotz­dem vorhanden.

Was die „christ­li­che” Kir­che zu dem The­ma bei­zu­tra­gen hat („Erb­sün­de”), ist eben­falls nicht hilf­reich. Sie­he dazu aktu­el­le (nicht erfolg­te) Reak­tio­nen die­ser Ver­ei­ne auf den Kin­des­miss­brauch in den eige­nen Rei­hen. Sehe ich das zu nega­tiv? Zu rea­lis­tisch? Ich hat­te einen Reli­gi­ons­leh­rer ab der fünf­ten Klas­se, der mir den Glau­ben an die Kir­che durch sein reak­tio­nä­res, erz­kon­ser­va­ti­ves Welt­bild gründ­lich aus­ge­trie­ben hat. Der Mann war evan­ge­lisch! Was geht da erst bei den Katho­li­ken ab?

Wenn man kei­ne Ahnung hat…
Wenn man sich also kei­ne Mei­nung über Selbst­mord bil­den kann – aus reli­giö­sen oder welt­an­schau­li­chen Grün­den – und kei­ne Empa­thie für die Betrof­fe­nen auf­brin­gen mag/​kann, dann soll­te man ein­fach mal ruhig sein. Denn gera­de sol­che rohen Sprü­che sind für poten­ti­ell Betrof­fe­ne ein Grund das Vor­ha­ben durch­zu­zie­hen. Man wird ja sowie­so nicht verstanden…

Als legi­ti­men Aus­weg soll­te es aber auch nicht hin­ge­stellt wer­den, man soll­te Lösun­gen auf­zei­gen. Betrof­fe­ne kön­nen sich bei­spiels­wei­se an den Haus­arzt wen­den. Ein guter Arzt wird im Gespräch erken­nen, um was es geht.

(Ver-)Schweigen ist jeden­falls kei­ne Option.

Schreibe einen Kommentar

Ich bin mit der Datenschutzerklärung und der Speicherung meiner eingegebenen Daten einverstanden.