Kunstgalerie Winkelimpression

Lesedauer 5 Minuten

Der Dachbodenausbau zog sich nun doch signifikant länger hin, als gedacht und gehofft. Das ist natürlich auch eine monetäre Frage. Gut, feiern wir doch einmal an dieser Stelle die vielen teuren, aber nicht immer geraden Ecken und Winkel, die der Ausbau eines so alten und nie für Wohnzwecke gedachten Dachgeschosses so mit sich brachte. Bitte schnallen Sie sich an, stellen sie den Kaffee weg und bringen sie den Bürodrehstuhl in eine aufrechte Position.

Wir befinden uns nun auf unserer Reiseflughöhe und beginnen die Tour im Flour. Hier erleben wir unterschiedliche Linienführungen, um an dieser Stelle nicht von der Führung der Linien zu sprechen, welche sich dank des Genies der Künstler trotzdem zu einem harmonischen Gesamtbild zusammenfügen versuchen.

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Der rotgeränderte Blick des Besuchers wird über die Dachschräge entlang geführt, wo er auf ein raffiniertes Ensemble aus Ecken trifft, die selbst den erfahrensten Malermeister schweißgebadet aus dem Schlaf hochschrecken lassen, wenn er davon albträumt diese mit einem Tapentenkleid versehen zu müssen.

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Dynamische Geraden treffen auf das mit Liebe platzierte Dachfenster, welches nur darauf wartet ein Feuerwerk an jahreszeitlich wechselnden Schattenspielen darüber streichen zu lassen. Gänsehaut, meine Hühner und Hähne!

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Zur Linken begeistert der Durchgang zu „Kind 2“ mit einer schier unglaublichen Geometrie. Bitte beachten Sie die auf den Bodendielen eingetrockneten Tränen der Verzweiflung des Trockenbauers.

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Das weiße Nichts führt in das Nichts. Existentielle Fragen werfen sich dem Kunstinteressierten wie eine wollüstige Auster an die schmächtige Brust.

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Nicht ein Winkel entspricht dem anderen – oder spricht gar mit ihm. Als ob ein Lineal mit einem Winkelmesser eine strafrechtlich relevante Orgie mit illegalen, bewusstseinserweiternden Substanzen gefeiert hätte.
Grandios und einzigartig!
Und einzigartig!
Und nach näher Betrachtung würde ich sogar von Einzigartigkeit sprechen wollen.

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Man beachte freundlichst das an Durchfall gemahnende Ensemble aus farbigen Kabeln, welches sich unbändig aus der Dachhaut direkt auf den erwartungsvoll bebenden Echtholzboden ergießt.
Gebote bitte ab 65.300 Euro.
Wir akzeptieren auch Kreditkarten.

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Nicht nur das Auge – nein, die komplette Person mit dem anderen Auge – wird in ihrer gottgegebenen Ganzheit durch dieses begehbare Kleinod der Trockenbaukunst Richtung Erlösung verheißender Galerie geführt.
Zum Niederknien.
Auch im Wortsinne.
Amen.

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Kraftvoll ragt aus der Deckenverblendung der Giebelbalken hervor.
Keck stößt er über die Treppe direkt in die Wand hinein.
Selbst das Dachfenster verneigt sich ehrfürchtig vor diesem Architekturschauspiel.

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Diese Installation besticht durch jugendlich-lässig aus Deckenlöchern heraushängenden Kabeln, die sich elegant vom Dachausstieg hinfort biegen. Dieser wiederum bricht laserscharf die Deckenverkleidung auf, als würde sich die Sonne höchstselbst in den Raum heilbringend hinein brennen.

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Der massive Schornstein ragt ehrfurchtgebietend im Raum empor. Man spürt seine Masse und die Hitze, mit der er vom Keller kommend, die zarte Dachhaut durchstösst und nur den Himmel als Grenze akzeptiert.

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Kommen wir aber zu einem Spätwerk des Gaubenbauers, welches konsequent mit verkrusteten, überkommenen Normen und Sehgewohnheiten bricht.
Es spielt mit der Neugier des Betrachters: Geht das Fenster hinter dieser scharfen Kante weiter? Oder kommt dort nur alles verschlingende Schwärze?
Ist dies das Sinnbild unseres Seins? Was kommt hinter der nächsten Ecke?
Die konsequente Geometrie versetzt auch Kunstexperten in Erstaunen, lässt sie ratlos aber nachdenklich zurück.
Ein echtes Meisterwerk.
Verweilen wir kurz und lassen es auf unsere Seele wirken.
Das reicht, wir müssen weiter.

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Fast schon profan, gewöhnlich und banal erscheint gegen das bisher brutal auf uns Eingestürzte diese Installation. Der Künstler nennt sie:
„Ging net anners“
Gleichwohl Christo wurde hier ein Stützbalken kunstvoll und formvollendet verkleidet.
Unschuldiges Weiß verhüllt spielerisch fließend eine statische Notwendigkeit und versieht baurechtliche Vorgaben mit einem zarten Fragezeichen.

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Die Börsennische, meine Dänen und Harn. Volkswirtschaftlich korrekt kennt diese Dachführung nur den steilen Weg nach oben! Stetes Wachstum ist der Garant für unsere Volkswirtschaft!
Aber was ist das? Ein rechteckiger Bruch mitten im existentiellen Wachstum? Hinter der kalten Fassade befindet sich überraschender Weise warmes Holz, welches für die Gefühle und die sozialen Bedürfnisse des Menschen steht.
Die Dosen und Kabel sind ironisches Sinnbild für den animalischen Fortpflanzungstrieb. Der einzelne, hier über drei Frauen platzierte Mann ist eine deutliche Anklage an den mormonischen Glauben und unsere genderverwirrte Zeit.
Ein bisher durchaus und zu Recht kontrovers diskutiertes Machwerk des ausgehenden Kapitalismus.

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Unser letztes Objekt nennt sich „Jugend“. Steil ansteigend, aber über einem verzagten kleinen Bogen auf eine kurze, gleichbleibend stabile Strecke in die Stagnation hineinführende unaufhaltsam abfallende Linie, steht dieses Meisterwerk für nichts Geringeres als unser aller Existenz und entzieht sich doch durch seine die Wahrheit verkündende Einfachheit dem kunsthistorischen Diskurs.

Ich bedanke mich für Ihre geteilte Aufmerksamkeit und darf… nein… muss mich an dieser Stelle von Ihnen hetzerisch verabschieden.
Die mit Ozelotfell bezogenen Notrutschen befinden sich rechts und links von Ihnen und führen jeweils in ein erfrischendes Krokodilbecken oder die mollig warme Löwengrube.
Bitte werfen sie Ihre Portemonnaies vor ihrem Ableben in die bereitgestellten Säurefässer.
In diesem Sinne:
Am Apparat!

 

 

2 Gedanken zu „Kunstgalerie Winkelimpression“

  1. Sehr geehrter Herr Schmidt,
    Hallo Falko,
    Alles senkrecht, Schmiddi?

    Wir freuen uns, über jeden massie… passierten Gunst… ähm.. Kunstliebhaber, der sich auf diese winzige, aber feine Site in diesem abgelegen Zentralarm der Internetgalaxie verklickt. Noch mehr freut sich unser einköpfiger Direktorenrat über jede hingeschmierte Hinterlassenschaft der vergärten Besucher – ganz besonders aber über den Hinweis, dass ihm in der Kantine unser Pilzragout á la Psilocybin gemundet hat („Wahnsinn köstlich“). Wir empfehlen trotzdem die LeckTüre des Buches „Google für Dummies“, damit Sie das nächste Mal nicht wieder hier landen, wenn Sie nach den üblichen Schmuddelseiten suchen.

    Beehren Sie uns bald wieder und bleiben Sie und gewagt gewogen.

    Im Auftrag nach Diktat verreist
    (STIRNABDRUCK)

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