Kri­tik zur Serie „Extant”

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Dies ist eine spoi­ler­freie Rezen­si­on. „Extant” ist eine us-ame­rik­an­bi­sche Sci-Fi-Serie um eine gut­aus­se­hen­de, intel­li­gen­te – aber lei­der unfrucht­ba­re – Astro­nau­tin, die von einer Ein­zel­mis­si­on nach über einem Jahr schwan­ger (durch eine mehr oder weni­ger unbe­fleck­te Emp­fäng­nis) zur Erde, ihrem gut­aus­se­hen­den, intel­li­gen­ten, lie­be­vol­len – aber stets besorg­ten und bemüh­ten – Ehe­mann und ihrem gut­aus­se­hen­den, intel­li­gen­ten – aber gru­se­lig-net­ten – Robo­ter­kind zurückkehrt.

Wenig sub­til ver­wan­delt sich im Vor­spann der Schrift­zug „Extinct” (aus­ge­stor­ben) in „Extant” (übrig geblie­ben), was aber die gro­be Sto­ry­line vor­weg­nimmt. So ahnt der erfah­re­ne Zuschau­er, was auf ihn zukommt. Lei­der ist dies sym­pto­ma­tisch für die Serie, die ohne jed­we­de Über­ra­schung oder neue Idee aufwartet.

Spiel­berg bleibt sich treu und schart auch bei „Extant” als Pro­du­zent wie­der eine Autoren­rie­ge um sich, die sei­ne über­ho­len 80-Jah­re-Ideen unin­spi­riert umset­zen. Lei­der fehlt hier kom­plett das Retro­fee­ling. Klar, die Serie spielt auch in einer nahen Zukunft.

Es han­delt sich um eine bil­lig pro­du­zier­te SF-Gru­sel-Serie im clea­nen Hei­le-Welt-Plas­tik-Look mit zwar teils über­zeu­gen­den Spe­zi­al­ef­fek­ten, die aber für SF-Fans ein­fach zu sel­ten ein­ge­setzt wer­den. Auch der Gru­sel kommt viel zu kurz – sowohl der direk­te, wie auch der unter­schwel­li­ge, subtile.

Wie bei Fal­ling Ski­es wer­den bana­le bis sinn­freie Dia­lo­ge meist bedeu­tungs­schwer vor­ge­tra­gen. Von Humor kei­ne Spur, so dass für durch­schnitt­lich intel­li­gen­te Zuschau­er die gan­ze Num­mer schnell uner­träg­lich wird.

Hal­le Ber­ry kennt hier (eben­so wie Goran Višn­jić ) zwei oder drei Gesichts­aus­drü­cke, von denen sie aber meist nur den des ver­schreck­ten Bas­sets trägt. Männ­li­che Zuschau­er wer­den, dadurch (Ach­tung, Kalau­er!) bei der Stan­ge gehal­ten, dass Ber­ry ein­mal pro Fol­ge rennt und dabei die pri­mä­ren Geschlechts­merk­ma­le… sagen wir ein­fach „gut zur Gel­tung” kommen.

Wie auch bei Spiel­bergs „Fal­ling Ski­es” wird die Serie augen­schein­lich ein­fach drauf­los geschrie­ben, es gibt weder eine Cha­rak­ter­ent­wick­lung noch blei­ben sich die Cha­ra­te­re treu. Sie han­deln so, wie es gera­de zur Sto­ry der ein­zel­nen Fol­ge passt. Es scheint kei­nen gemein­sa­men Kanon der Autoren für die ein­zel­nen Per­so­nen zu geben. Wer „Game of Thro­nes” gese­hen hat, wird hier ob der feh­len­den Kon­sis­tenz der Figu­ren ein­fach nur kopf­schüt­telnd abschalten.

In der heu­ti­gen Zeit stel­len selbst Strea­ming-Diens­te qua­li­ta­tiv wesent­lich über­zeu­gen­de­re Seri­en her, die es schaf­fen, an sich eher drö­ge The­men wie die der bri­ti­schen Königs­fa­mi­lie („The Crown”) oder den All­tag von Heb­am­men der fünf­zi­ger Jah­re („Call the Mid­wi­fe”) span­nend und kurz­wei­lig auf den Schirm zu brin­gen – und so auch Zuschau­er (wie mich) zu begeis­tern, die die­se The­men eigent­lich gar nicht interessieren.

„Extant” schafft es hin­ge­gen nicht sehr oft Span­nung auf­zu­bau­en. Wer ein­mal „Bet­ter call Saul” sah, weiß, dass man auch ein­fa­che Hand­lungs­strän­ge und Ein­zel­sze­nen allei­ne durch die Kame­ra­füh­rung hoch­span­nend gestal­ten kann. „Extant” ver­sagt auch hier auf gan­zer Linie. Die Serie schafft nicht ein­mal, dass Sci­ence-Fic­tion-Fans eine Fol­ge durch­ge­hend schau­en kön­nen, ohne bei den ewig glei­chen schmal­zig-pathe­ti­schen Dia­lo­gen um Pflicht, Bezie­hung und Fami­lie (die Lieb­lings­the­men von Ste­ven Spiel­berg) vor­zu­spu­len. Die Ziel­grup­pen fin­den sich wohl in gelang­weil­ten Haus­frau­en, die die Fol­gen vor­mit­tags „weg­bü­geln”.

Alle Fol­gen sind zäh und geschmack­los wie ein altes Kau­gum­mi und schaf­fen es tat­säch­lich das aktu­el­le und wich­ti­ge The­ma der künst­li­chen Intel­li­genz völ­lig unkri­tisch rein auf Emo­tio­nen zu redu­zie­ren. Es geht nur dar­um, dass sowohl die KI wie auch das Ali­en Men­schen durch das vor­gau­keln von Emo­tio­nen und das Nach­ah­men von Kör­per­lich­keit (Visio­nen, Pro­jek­tio­nen, was weiß ich) mani­pu­lie­ren wol­len – und dies auch meist schaf­fen. Das ist lang­wei­lig und seit mehr als dreis­sig Jah­ren wirk­lich aus­ge­lutscht. All die­se tech­nisch­kri­ti­schen Exis­tenz­phi­lo­so­phien wur­den schon wesent­lich tief­grün­di­ger – und vor allem kurz­wei­li­ger – erzählt. „Extant” wirft weder neue Fra­gen auf, noch schafft es die Serie Ant­wor­ten auch nur anzu­deu­ten. Der Zuschau­er soll offen­bar nicht all­zu viel nachdenken.

Völ­lig zu Recht wur­de die Serie Auf­grund des kaum vor­han­de­nen Zuschau­er­inter­es­ses bereits nach der zwei­ten Staf­fel ein­ge­stellt. Die noch kru­se­re Hand­lung die­se Staf­fel zeigt sehr deut­lich, dass vor der Pro­duk­ti­on kei­ne Sto­ry­line ent­wi­ckelt wur­de. „Macht doch mal was mit Ali­ens und Robo­tern! Und einer Inva­si­on!” – das reicht heu­te eben nicht mehr aus. Moment, das stimmt ja gar nicht, denn ein feh­len­des Kon­zept funk­tio­nier­te schon bei „Earth 2” nicht. Aber selbst mit einem guten Kon­zept schafft es Amblin Enter­tain­ment mit ihrem Hang zur Sto­ry­über­deh­nung auch gute Ideen abzu­tö­ten, wie man bei „Under the Dome” sehen konn­te. Die vor­zei­ti­ge Ein­stel­lung all die­ser Seri­en war auch schon die ein­zig rich­ti­ge Ent­schei­dung der Pro­du­zen­ten. Hof­fen wir, dass Spiel­berg dar­über nach­denkt und den Zuschau­er nicht wei­ter­hin für grenz­de­bil hält. Wenn man aber hört, dass Apple Spiel­berg für ein Remake sei­ner eige­nen 1980er-Jah­re-Serie „Ama­zig Sto­ries” anheu­er­te, kann man nur den Kopf schüt­teln. Spiel­berg ist nur noch in einem Meis­ter­haft: sich sel­ber zu kopieren.

Fazit:

Spiel­berg kopiert sich scham­los wie­der ein­mal selbst. Viel weni­ger sei­nes Fil­mes „AI — künst­li­che Intel­li­genz” und etwas mehr von der lei­der zu früh abge­setz­ten Serie „Almost Human” hät­ten „Extant” gut getan. Es ist alles zu viel des Guten, die so simp­le wie über­holt-kon­ser­va­ti­ve Bot­schaft wird immer und immer und immer und immer und immer wie­der­holt. Das beschreibt die Quint­essenz von „Extant” wohl am ehes­ten. Spiel­berg hat sei­ne bes­ten Zei­ten längst hin­ter sich gelassen.

Es braucht nicht immer ein Robo­ter­kind, um beim Zuschau­er Empa­thie zu wecken, Spiel­berg! Ande­re beherr­schen Dei­ne übli­chen The­men bes­ser, span­nen­der und zeit­ge­mä­ßer! Der emo­tio­na­le Vor­schlag­ham­mer ist längst out, wann merkst Du das end­lich und belei­digst nicht mehr die Intel­li­genz Dei­ner Zuschauer?

„Extant” ist eine lang­wei­li­ge Serie mit uner­träg­li­chen Dia­lo­gen, schwa­cher Sto­ry­line und unzeit­ge­mä­ßer, über­hol­ter Bot­schaft, die die Intel­li­genz der Zuschau­er belei­digt und deren Geduld auf teils har­te Pro­ben stellt.

Alter­na­ti­ven:

Für am The­ma Künst­li­che Intel­li­genz inter­es­sier­te Zuschau­er kann ich „West­world” nur emp­feh­len. Die­se Serie ist her­vor­ra­gend besetzt, intel­li­gent, kurz­wei­lig und bie­tet über­ra­schen­de Wen­dun­gen – hat also alles, was „Extant” fehlt. Als Sah­ne­häub­chen gibt es zudem noch einen wirk­lich bril­lan­ten Soundtrack.

Sci­Fi-Freun­de kom­men zudem bei „The Expan­se” voll auf ihre Kos­ten: schö­ne Welt­raum­sze­nen, ein leich­ter Retro-Touch und eine durch­ge­hend span­nen­de, zivi­li­sa­ti­ons­kri­ti­sche Sto­ry­line. Ja, sowohl bei „The Expan­se” wie auch bei „Extant” fin­det sich der Part des bösen asia­ti­schen Indus­tri­el­len – aber die Generemi­schung ist bei „The Expan­se” eben wesent­lich bes­ser gelun­gen, so dass man die­ser Serie die eine oder ande­re Schwä­che im Plot ger­ne verzeiht.

Nach nur zwei Staf­feln wur­de die Sci­Fi-Kri­mi-Serie „Almost Human” mit einem Cliff­han­ger abge­setzt – sie ist des­we­gen trotz­dem intel­li­gen­ter und sehens­wer­ter als „Expan­se”.

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