Deep Pro­cras­ti­na­ting

Lese­dau­er 11 Minu­ten

[Gast­bei­trag] Ich pro­kras­ti­nie­re wirk­lich ger­ne. Deep Pro­cras­ti­na­ting mache ich ganz vor­bild­lich. Natür­lich beson­ders dann, wenn ich es eigent­lich eilig habe. Man will es ja span­nend im Leben haben. Aber zu viel Span­nung ist schlecht fürs Herz, des­we­gen pro­kras­ti­nie­re ich zum Aus­gleich beson­ders ger­ne mit so lang­wei­li­gen Din­gen wie Zah­len, Men­gen, Maß­stä­ben, Geschwindigkeiten. 

Ver­dammt gro­ße Größen!

Also z. B. wie schnell sich wohl ein Sta­pel aus Toi­let­ten­pa­pier­rol­len erhö­hen wür­de, wenn man den deut­schen Ver­brauch damit dar­stel­len möch­te (95,83 km/​h). Oder ich ver­su­che mir ein­fach ver­dammt gro­ße Grö­ßen bes­ser vor­stell­bar zu machen. Da ich aber nicht ganz so eine drö­ge Per­son sein möch­te, ver­bin­de ich das zum Schein mit Men­schen, sogar mit wild­frem­den Men­schen, dann wir­ke ich prak­tisch wirk­lich inter­es­siert und herz­lich. Das ist auch viel bes­ser als so ein Scheiß wie „Anzahl der Sand­kör­ner auf der Welt“ zu nut­zen, eine Aus­sa­ge, die einem jetzt nicht wirk­lich wei­ter­hilft, außer dass man sich denkt: „Man! Echt viel!

Man kann auch pro­kras­ti­nie­ren, indem man das Pro­kras­ti­nie­ren erklärt. Gedan­ken­gän­ge beim ordent­li­chen Pro­kras­ti­nie­ren lau­fen unge­fähr so ab:

– Ber­lin hat 3.664.088 Ein­woh­ner, um mir die alle eine Sekun­de anzu­schau­en, benö­ti­ge ich 42 Tage, 9 Stun­den, 48 Minu­ten und 8 Sekun­den. Das doch eine Aus­sa­ge. Damit kann man wenigs­tens etwas anfan­gen, dar­un­ter sind bestimmt auch jede Men­ge Hot­ties! So machen Zah­len Spaß. Die ande­ren Men­schen stell ich jetzt natür­lich bes­ser nicht alle vor.

– Mit den 201.048 Per­so­nen in Kas­sel wäre ich schon nach nur 2 Tagen, 7 Stun­den, 50 Minu­ten und 48 Sekun­den fer­tig. Weni­ger Hot­ties. Mist.

– Für Deutsch­lands 83 Mil­lio­nen Ein­woh­ner benö­ti­ge ich immer­hin 2 Jah­re und 229 Tage. Aus­wahl satt. Da kann man auch anfan­gen die Sekun­den zu unterschlagen.

447 Mil­lio­nen Ein­woh­ner der Euro­päi­sche Uni­on zie­hen end­lo­se 14 Jah­re und 64 Tage für jeweils eine Sekun­de an mir vor­bei. Das gibt wohl Fal­ten. Dabei habe ich aller­dings die Schalt­jah­re dreist unter­schla­gen, ist also nicht ganz so schlimm. Die doo­fen Schalt­jah­re unter­schla­ge ich auch wei­ter­hin in die­sem Text.

– Die grob 7,9 Mil­li­ar­den Ein­woh­ner die­ser Welt kann ich mir abschmin­ken. Nicht zu schaf­fen mit jeweils einer Sekun­de pro Ant­litz, denn in die­ser Zeit­span­ne wächst die Mensch­heit um 2,568 Per­so­nen. Aber ich will die 7,9 Mil­li­ar­den wegen der Hot­ties anschau­en und nicht wegen der Babys. Also wird nur der Sta­tus quo betrach­tet. Dafür wür­de ich schlap­pe 250 Jah­re und 6 Mona­te benö­ti­gen. Da soll mir einer noch mal sagen, er hät­te schon alles gesehen.

Es gibt also echt vie­le Hot­ties auf der Welt. Nun sind mir aber die Men­schen aus­ge­gan­gen. 7,9 Mil­li­ar­den, die kann ich mir aber immer­hin nun wenigs­tens grob vor­stel­len. 250 Jah­re also.

250 Jah­re

250 Jah­re sind in etwa 5‑mal mein bis­he­ri­ges Leben. Hät­te ich 5 Euro pro Sekun­de ver­dient, statt so doof zu sein, immer nur auf den Anblick von Hot­ties zu war­ten, dann wären das gran­dio­se 18.000 EUR pro Stun­de und nach nur 50 Jah­ren hät­te ich immer­hin 7,9 Mil­li­ar­den Euro gemacht. Da sieht man mal, dass 7,9 Mil­li­ar­den wirk­lich ver­dammt viel Geld ist, damit hät­te ich das ein oder ande­re Hot­tie bestimmt gut hofie­ren kön­nen, wenn ich von der ganz alten Schu­le wäre. Bin ich aber nicht. Außer­dem kann man für 7,9 Mil­li­ar­den eigent­lich nicht so viel kau­fen, schon gar nicht den rich­tig gei­len Scheiß. 7,9 Mil­li­ar­den reicht nicht mal für einen Flug­zeug­trä­ger der Ford-Klas­se und gera­de zwei­mal für den Neu­bau des One World Tra­de Cen­ters.

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Bild von Gerd Alt­mann auf Pixabay

Also schaue ich nei­disch auf Elon Musks theo­re­ti­sche 200 Mil­li­ar­den Dol­lar. Das ist immer­hin in etwa das 25-Fache von 7,9 Mil­li­ar­den. Anders aus­ge­drückt: Der Mann, der pas­sen­der­wei­se 50 Jah­re alt ist, könn­te 50 Jah­re statt mei­ner stünd­li­chen 18k EUR locker 455.696 Dol­lar pro Stun­de aus­ge­ben. Das sind 10,9 Mil­lio­nen Dol­lar pro Tag – da geht schon eher was mit. Für so einen Flug­zeug­trä­ger müss­te der Mann den­noch lan­ge stri­cken. Aber er hat den Kniff raus und lässt ande­re sich sei­ne Ver­mö­gens­stei­ge­rung gewis­ser­ma­ßen ein­fach nur vor­stel­len. In deren Kol­lek­tiv­wahn stei­gen die Akti­en und schon hat er theo­re­tisch, die Koh­le. Ich muss hier mei­ne Armut geste­hen, mein Kon­to­stand liegt momen­tan unter einer Muskmi­nu­te. Das Jah­res­ein­kom­men des durch­schnitt­li­chen Voll­zeit­be­schäf­tig­ten in Deutsch­land liegt übri­gens bei nur 6,2 Muskmi­nu­ten.

Muskmi­nu­te

Nach­dem ich nun mit der Muskmi­nu­te end­lich eine neue Ein­heit erfun­den und damit mei­nem Leben eine Bedeu­tung gege­ben habe, soll­te ich mich vom schnö­den Mam­mon abwen­den und der Rea­li­tät ins Auge sehen. Mir also klar­ma­chen, wie unbe­deu­tend klein und unwich­tig ich den­noch bin, obwohl ich durch die Schöp­fung der Muskmi­nu­te eigent­lich recht gute Kar­ten haben könn­te, nicht so schnell in Ver­ges­sen­heit zu gera­ten. Außer natür­lich Jeff Bezos über­holt dem­nächst doch noch Musk. Das wäre dann schon recht blöd für mich.

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Bild von ann­ca­pic­tures auf Pixabay

Wer muss eigent­lich bei der Zahl 200 Mil­li­ar­den nicht sofort dar­an den­ken, dass das rein zufäl­lig der Anzahl der Ster­ne in der Milch­stra­ße ent­spricht? Nun kann ich mir end­lich eine ver­nünf­ti­ge Vor­stel­lung davon machen, wie viel 200 Mil­li­ar­den wirk­lich ist: Die Zahl ent­spricht einer ver­dammt gro­ßen Men­ge lecker Hot­ties und nicht so lecker Unhot­ties, für die man 25 × 250 Jah­re, also immer­hin 6250 Jah­re benö­tigt, um sie je eine Sekun­de betrach­ten zu kön­nen. Das wäre dann aller­dings doch schon 125x mein bis­he­ri­ges Leben. Dadurch fängt die Zahl lang­sam an, der Erfas­sung durch den Ver­stand zu entgleiten.

Die Sekun­de als Ein­heit taugt ab einem gewis­sen Punkt irgend­wann nichts mehr und somit ist auch mei­ne grob­schläch­ti­ge Muskmi­nu­te nicht uni­ver­sell ein­setz­bar. Außer­dem bedeu­tet es, dass es deut­lich mehr Ster­ne in unse­rer Gala­xie gibt als Hot­ties auf der Erde, was mehr oder weni­ger depri­mie­rend klingt. Von den gan­zen Pla­ne­ten möch­te ich gar nicht erst anfan­gen. Wer soll das alles sor­tie­ren, ein­ord­nen und benen­nen? Und fer­tig wirst du auch nie. Was für ein Scheiß-Job ist das bitte?

Wenn ich 6250 Jah­re benö­ti­ge, um mir jeden Stern der Milch­stra­ße, die eine recht belang­los durch­schnitt­li­che Gala­xie ist, für eine Sekun­de anzu­se­hen und es im beob­acht­ba­ren Uni­ver­sum, wie von der Wis­sen­schaft ange­nom­men, eine Bil­li­on Gala­xien gibt, dann fängt mein Spiel mit den Sekun­den end­gül­tig an so gar nicht mehr hin­zu­hau­en zu wol­len. Das wären dann 6,25 Bil­li­ar­den Jah­re, die man braucht, um sich jeden Stern für nur eine Sekun­de anzu­se­hen. Das Blö­de ist, dass seit dem Urknall gera­de mal 13,81 Mil­li­ar­den Jah­re ver­gan­gen sind. 6,25 Bil­li­ar­den Jah­re ent­spricht dem 452.570-fachen Alter des Uni­ver­sums. Mist.

Planck-Zeit

Aber wenn man sich die Ster­ne für eine Planck-Zeit, also die phy­si­ka­lisch kleinst­mög­li­che Zeit­span­ne anschaut, dann klappt das viel­leicht. Die Planck-Zeit lässt sich so gar nicht kin­der­leicht vor­stel­len, denn sie ent­spricht nur 0,0000000000000000000000000000000000000000000539056 Sekun­den. Aber sogar ein Blin­der sieht, dass man damit die 6.250.000.000.000.000 Jah­re wie­der auf eine deut­lich klei­ne­re Zeit redu­zie­ren kann: 6.250.000.000.000.000 Jah­re * 0,0000000000000000000000000000000000000000000539056 = 0,00000000000000000000000000000033691024 Jah­re oder um es hand­li­cher zu machen: 0,000000000000000000000010624801 Sekun­den. Ist dann doch ver­dammt lang, so eine Sekun­de. Zumin­dest, wenn man sie aus der Per­spek­ti­ve der kleinst­mög­li­chen Zeit­span­ne aus betrachtet.

Wer soll mit dem Scheiß jetzt was anfan­gen kön­nen? Die Planck-Zeit taugt dann dafür doch nicht, nicht mal tei­len kann man die. Aber wann im Leben eines Nicht-Phy­si­kers kann man schon die Planck-Zeit erwäh­nen? Das also war sie, mei­ne gro­ße Gele­gen­heit zur Erwäh­nung der Planck-Zeit. Viel­leicht wer­de ich eines Tages weh­mü­tig auf die­sen Augen­blick zurück­bli­cken, weil ich es total ver­bockt habe. Nun aber muss ich mir erst mal etwas ande­res aus­den­ken, um die­se absur­den Grö­ßen in einem akzep­ta­blen Bei­spiel zu skalieren.

Schlap­pe 52 Bil­lio­nen Jahre

Ein Kino­film hat 24 Bil­der pro Sekun­de, ein nor­ma­ler Bild­schirm macht 60 Bil­der pro Sekun­de, ein Moni­tor für Gamer das Dop­pel­te: 120 Hz. Denkt man sich also, dass man sich jeden Stern für die Dau­er von je einem Frame bei traum­haft sta­bi­len 120 FPS anschaut, dann sind es nur noch schlap­pe 52 Bil­lio­nen Jah­re. Das hat geruckt! Nur noch 3771x das Alter des Uni­ver­sums!

Wenn wir nun ganz cle­ver sind und das Uni­ver­sum auf­tei­len unter allen 7,9 Mil­li­ar­den Men­schen. Dann brau­chen wir gemein­sam statt 52 Bil­lio­nen Jah­re nur noch 6592 Jah­re! Ein vor­stell­ba­rer Wert. Nun kön­nen wir die Zeit­span­ne auch wie­der erhö­hen, von 1/​120 Sekun­de auf eine Sekun­de pro Stern und kom­men auf 791.050 Jah­re, die wir benö­ti­gen, wenn jeder Mensch sich ein ande­res 7,9 Mil­li­ards­tel der Ster­ne anschaut.

Es lässt sich also fest­stel­len, es gibt doch recht vie­le Ster­ne im beob­acht­ba­ren Uni­ver­sum. Und wir 7,9 Mil­li­ar­den Men­schen sind ver­gleichs­wei­se wenig und unbe­deu­tend. Man könn­te fast geneigt sein, ein­fach die Gesamt­zahl Sand­kör­ner auf der Erde als Ver­gleich her­an­zu­zie­hen, beson­ders, weil eh kei­ner eine Ahnung hat, wie vie­le das wirk­lich sind. Echt viel eben.

Ich aber den­ke mir lie­ber, es gibt da drau­ßen wahr­schein­lich ver­dammt vie­le Hot­ties. Nur haben wir sie noch nicht ent­deckt und was gibt es Schö­ne­res, als ein Hot­ties zu ent­de­cken? Nun mei­nen trotz die­ser Zah­len eini­ge kon­ser­va­ti­ve Irre, die sich für das Wich­tigs­te im Uni­ver­sum hal­ten, dass wir auf jeden Fall die ein­zi­ge intel­li­gen­te Zivi­li­sa­ti­on wären. Und dass wir uns somit lei­der für alle Zei­ten auf unse­re eige­nen Hot­ties beschrän­ken müss­ten. Was für eine trau­ri­ge und nega­ti­ve Ein­stel­lung. Deren Argu­men­te sind dann auch das typi­sche ein­falls­lo­se Arma­ged­don, in dem sich zwangs­läu­fig irgend­wann jede Zivi­li­sa­ti­on selbst ver­nich­tet, wenn sie vor­her denn nicht am Kli­ma­wan­del geschei­tert wäre, was sogar noch wahr­schein­li­cher als die abso­lut unver­meid­ba­re Selbst­zer­stö­rung sein soll. Bla! Dass das Unfug ist, lässt sich übri­gens ganz ein­fach beweisen:

- Anzahl aller bis­her bekann­ten intel­li­gen­ten Zivi­li­sa­tio­nen im Uni­ver­sum: 1
– Anzahl aller bis­her bekann­ten intel­li­gen­ten Zivi­li­sa­tio­nen im Uni­ver­sum, die sich selbst ver­nich­tet haben: 0
– Anzahl aller bis­her bekann­ten intel­li­gen­ten Zivi­li­sa­tio­nen im Uni­ver­sum, die ihren Pla­ne­ten in einen abso­lut unbe­wohn­ba­ren Glut­ofen ver­wan­delt haben: 0

Jubel!

Nun soll­te eigent­lich Jubel aus­bre­chen! Schließ­lich habe ich mit der glei­chen Logik der Irren gera­de bewie­sen, dass die Wahr­schein­lich­keit unse­rer Selbst­ver­nich­tung bei null liegt. Falls die Logik däm­lich sein soll­te, dann liegt es nur dar­an, dass die Logik der Men­schen, die an dem Vor­han­den­sein von Leben auf ande­ren Wel­ten zwei­feln, eben­falls kom­plett däm­lich und bia­sed ist. Also auf zu den Hot­ties! Aber damit folgt auf die schwer vor­stell­ba­ren Men­gen an Ster­nen nun die nächs­te Grö­ße, die man sich kaum vor­stel­len kann.

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Bild von Rand­hir Kumar auf Pixabay

Die­se stellt für den Kon­takt mit dem Hot­ties bekannt­lich das Haupt­pro­blem dar: die Ent­fer­nung. All die­se eben halb­wegs in ihrer Men­ge vom Ver­stand her erfass­ten Ster­ne lie­gen so weit aus­ein­an­der, dass es eben­falls kaum mög­lich ist, sich auch nur die Ent­fer­nung zum nächst­ge­le­ge­nen Stern Pro­xi­ma Cen­tau­ri ver­nünf­tig vor­zu­stel­len. 4,24 Licht­jah­re. Ja, doll. 4,24 Jah­re lang mit 299.792.458 m/​s rei­sen (1,079 Mil­li­ar­den km/​h) und schon ist man nach 39,8 Bil­lio­nen Kilo­me­tern da.

Lea­ving on a jet plane

Mit einem Pas­sa­gier­jet (900 km/​h) wür­de das 5,084 Mil­lio­nen Jah­re dau­ern, mit dem Space Shut­tle (28.000 km/​h) 163.429 Jah­re und die Son­de Voya­ger 1 (61.198 km/​h) braucht nur noch 74.774 Jah­re. Zur Erin­ne­rung, wie lan­ge braucht man, um sich alle Ster­ne im sicht­ba­ren Uni­ver­sum je eine Sekun­de anzu­se­hen? Wenn die schnells­te Son­de, die wir los­ge­schickt haben, die schon unfass­bar schnell ist, 74.000 Jah­re benö­ti­gen wür­de, um einen die­ser Ster­ne zu errei­chen, dann ist bekannt­lich klar, war­um die Hot­ties noch immer nicht hier sind. 74.000 Jah­re lang mit 61.198 km/​h zu rei­sen ist aber auch nicht wirk­lich etwas, was mir hilft, mir rich­tig vor­zu­stel­len, wie weit es wirk­lich bis Pro­xi­ma Cen­tau­ri ist. Aber zum Glück gibt es Sandkörner.

Wenn ich alle 3,7 Mil­lio­nen Ber­li­ner Ein­woh­ner hin­ter­ein­an­der­le­ge, dann ent­spricht die Gesamt­län­ge die­ser Linie grob dem Erd­ra­di­us. Ich hal­te das für ein­deu­tig eine Faust­for­mel, die es wert ist sich nicht zu mer­ken. Lege ich die Ein­woh­ner der gan­zen Metro­pol­re­gi­on Ber­lin hin­ter­ein­an­der, dann klappt das Bei­spiel sogar schon fast mit dem Erd­durch­mes­ser – soll­te man sich erst recht nicht mer­ken. Hat mit dem, was nun folgt, auch nicht wirk­lich was zu tun. Außer es hilft dabei, dir 12.742.000 Meter bes­ser vor­stel­len zu kön­nen, denn das ent­spricht dem Erd­durch­mes­ser, auf den ich damit hin­lei­ten wollte.

Vie­le Sandkörner

Aber wei­ter: wir schrump­fen den Durch­mes­ser der Erde nun auf die Grö­ße eines gro­ßen Sand­korns (2 mm). Also ca. um Fak­tor 6,371 Mil­li­ar­den. Wer fragt sich jetzt nicht, wie vie­le gro­ße Sand­kör­ner man in Rei­he legen muss, um den Erd­durch­mes­ser dar­zu­stel­len? Es sind? Na? Bra­vo! 6,371 Mil­li­ar­den. Klingt nicht rich­tig viel. Ich muss mich wohl voll­kom­men pein­lich ver­rech­net haben. Habe ich aber nicht. Schei­ße, ist die Welt klein! Das sind weni­ger Sand­kör­ner, als es Men­schen gibt.

Anders aus­ge­drückt klingt es natür­lich viel spek­ta­ku­lä­rer: Es gibt mehr Men­schen, als man Sand­kör­ner benö­tigt, um sie in Rei­he auf einer Stre­cke ent­lang zule­gen, die dem Erd­durch­mes­ser ent­spricht. Woaaah, fuck! So vie­le Hot­ties! Wo war ich? Die Hot­ties errei­chen? Ja, rich­tig! Also Erde geschrumpft und so.

Nun die 39,8 Bil­lio­nen Kilo­me­ter Ent­fer­nung zu Pro­xi­ma Cen­tau­ri in den glei­chen Sand­korn­maß­stab brin­gen: 6255 km. Und schon kann man sich es per­fekt vor­stel­len. Schnapp dir einen Sand­korn, nimm ihn auf die Fin­ger­kup­pe und star­re ihn ange­strengt an. Stell dir vor, das wäre die Erde. Pro­xi­ma Cen­tau­ri hat nun einen Durch­mes­ser von 3,3 cm (ein Ping­pong­ball hat 4 cm) und befin­det sich 6522 km von die­sem Sand­korn ent­fernt. Das ist etwas wei­ter ent­fernt als Luft­li­nie Kas­sel-New York oder etwas weni­ger als Luft­li­nie Ber­lin-New York.

Con­ta­ct

Um den Ping­pong­ball in New York krei­sen ein paar Sand­kör­ner, da sind aber sehr wahr­schein­lich kei­ner­lei Hot­ties drauf. Es gehört eben eini­ges dazu, zu einem bewohn­ba­ren Sand­korn zu wer­den. Aber nur weil in unse­rer „nähe­ren“ Umge­bung nie­mand star­ke gerich­te­te Funk­si­gna­le aus­sen­det, die schon von Prom­xi­ma Cen­tau­ri aus sat­te 4,24 Jah­re benö­ti­gen wür­den, bis sie bei uns ankom­men, bedeu­tet das nicht, dass es sie nicht an einem ande­ren Ort gibt. Die 200 Mil­li­ar­den Ster­ne der Milch­stra­ße (zur Erin­ne­rung, eine von einer Bil­li­on Gala­xien) ver­tei­len sich über einen Durch­mes­ser von 105.700 Licht­jah­ren.

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Bild von Engel62 auf Pixabay

Wenn 50.000 Licht­jah­re von uns ent­fernt jemand ein Signal in unse­re Rich­tung schi­cken wür­de, dann müss­te das aus­ge­rech­net jetzt vor 50.000 Jah­ren gesche­hen sein, damit wir das über­haupt mit­be­kom­men. Funk haben wir seit 120 Jah­ren. Kein Mensch weiß, ob wir in 100 Jah­ren nicht eine kom­plett ande­re Tech­nik zur Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­wen­den und es dann absurd fin­den wür­den, nach so etwas Ver­al­te­ten wie Funk­wel­len zu suchen, die Zivi­li­sa­tio­nen wahr­schein­lich nur kur­ze Zeit nut­zen. Das ist viel­leicht so schlau, wie nach Rauch­zei­chen im All Aus­schau zu halten.

Pro­fil­neu­ro­ti­ker

Uns wird es noch in Tau­sen­den von Jah­ren geben, wer etwas ande­res glaubt, der will sich selbst dadurch nur als wich­ti­ger anse­hen, als er es in Wirk­lich­keit ist, denn die Vor­stel­lung, dass hier in einer Mil­li­on Jah­re noch unse­re Nach­kom­men etwas vor sich hin erfin­den, die macht jeden Ein­zel­nen von uns im Kon­text der Men­gen an Ster­nen und den Ent­fer­nun­gen im All noch unbe­deu­ten­der und das ist etwas, was vie­le Pro­fil­neu­ro­ti­ker nur ganz schwer ertra­gen können.

Natür­lich ist das Argu­ment mit der ver­al­te­ten Funk­tech­no­lo­gie auf dem glei­chen Niveau wie das der irren Ket­zer mit ihrer Angst vor Arma­ged­don, die die mit uns gleich­zei­ti­ge Exis­tenz­mög­lich­keit extra­ter­res­tri­scher Hot­ties anzwei­feln. Aber ich darf das, denn ich pro­kras­ti­nie­re hier nur so vor mich hin. Außer­dem ist nie­mand so irre, sich das kom­plett durchzulesen.

Bis zur Unendlichkeit …

Außer natür­lich, das Uni­ver­sum wäre unend­lich. Was eine der Mög­lich­kei­ten ist. Wir wer­den es aber nie­mals erfah­ren, da nicht anein­an­der gebun­de­nen Sys­te­me sich mit stei­gen­der Ent­fer­nung durch die Expan­si­on des Uni­ver­sums immer schnel­ler von­ein­an­der ent­fer­nen, ab einer gewis­sen Ent­fer­nung sich Gala­xien von uns mit Über­licht­ge­schwin­dig­keit ent­fer­nen und deren Licht uns somit theo­re­tisch nie­mals errei­chen kann. Bei einem unend­li­chen Uni­ver­sum wäre die­se Geschwin­dig­keit sogar unend­lich groß.

Ich wür­de die­sen Text unend­lich oft schrei­ben, weil es bei unend­lich vie­len Son­nen auch unend­lich vie­le exak­te Kopien der Erde und der Mensch­heit gäbe, dabei ist es egal, wie voll­kom­men unwahr­schein­lich es ist, dass es auch nur eine solch exak­te Kopie geben könn­te, da die Unend­lich­keit jede noch so gro­ße Unwahr­schein­lich­keit nicht nur zunich­te­macht, son­dern sol­che Kopien unver­meid­bar durch die Unend­lich­keit ent­ste­hen müs­sen. Also wür­de in leich­ten Abwand­lun­gen davon irgend­wer die­sen Text bis hier­hin lesen.

In die­ser Kopie der Erde bist es zum Bei­spiel du. Aber viel wich­ti­ger sind doch all die Hot­ties die es dann gäbe. Unend­lich vie­le! Allein des­halb kann es nicht sein. Zu schön, um wahr zu sein. Bevor ich unend­lich pro­kras­ti­nie­re, höre ich hier nun auf. Was mei­ne Kopien machen, ist mir egal, denn um so einen Scheiß mache ich mir kei­nen Kopf, kei­ne Zeit für so einen unwich­ti­gen Quatsch, der mich nicht wei­ter bringt.

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Bild von Film­be­trach­ter auf Pixabay

PS:

Ein noch zum Klo­pa­pier: Rech­net man den Ver­brauch auf die heu­ti­ge Welt­be­völ­ke­rung hoch, dann rast die Rol­len­schla­ge mit 8.849,54 km/​h um den Erd­ball. Betrach­tet man nun statt der Rol­len den Ver­brauch bezo­gen auf die Papier­län­ge – eine Stan­dard­rol­le hat eine Höhe von 10 cm bei einer Papier­län­ge von ca. 30 m – dann kom­men wir auf eine Geschwin­dig­keit von sagen­haf­ten 2,6 Mil­lio­nen km/​h, was immer­hin ca. 0,24 % der Licht­ge­schwin­dig­keit entspricht.

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